Cesare De Marchi
 
 
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Una crociera

 

Una crociera, 2000 bei Feltrinelli erschienen, ist ein komplex aufgebauter Roman, der bewußt sowohl auf einen Ich- als auch auf einen allwissenden Erzähler verzichtet.
      In dem klaustrophobischen Raum eines Kreuzfahrtschiffes stossen vier Hauptfiguren aufeinander: Guido Rizzi, Professor für Augenheilkunde, der durch die Beschreibung eines zur Blindheit führenden Syndroms weltbekannt geworden ist, und der mit dieser Kreuzfahrt versucht, seine kinderlose Ehe mit der viel jüngeren Chiara neu zu beleben; Chiara, die sich zwar nicht von ihm abwenden will, wie er befürchtet, aber die Eintönigkeit und Langeweile einer ihr sinnlos erscheinenden Existenz zutiefst empfindet. Die beiden lernen einen alten Lehrer kennen, Giacomo Pancaldi, eine schüchterne, naive, doch optimistische Natur, und zu den dreien stößt als vierte Figur ein arroganter, junger Mailänder Intellektueller, Bruno Brancucci, der keine Gelegenheit ausläßt, den alten Pancaldi zu kränken: Alles an Pancaldi reizt ihn zu höhnischer Kritik, von seinem musikalischen Geschmack bis hin zu seinen moralischen und religiösen Vorstellungen, ja sogar seiner Wortwahl.
      Die vier sitzen im Speisesaal am selben Tisch und bilden bald, wie Annette Kopetzki in ihrer Einführung zu einer Lesung De Marchis 2001 in Frankfurt sagte, «ein grausames Quartett, das sich in langen Gesprächen ineinander verstrickt und gnadenlos Spannungen und Frustrationen austrägt. Die Themen dieser Gespräche, die den Großteil des Buches ausmachen, sind große Fragen der Ästhetik, Wissenschaft und Moral. Doch unter der eleganten, rhetorisch geschliffenen Oberfläche dieser Wortgefechte werden zunehmend offener Bosheiten und Feindseligkeiten ausgetauscht». Bruno Brancucci beschließt nämlich, Chiara zu verführen; zwar ist er nicht in sie verliebt, doch er will sich gegen ihren berühmten, von ihm im Grunde beneideten, am Ende gründlich verhassten Ehemann behaupten. Dieser kann von seiner zähen, irrationalen Liebe zu seiner Frau nicht lassen und sieht nun sein privates Leben von der gleichen Unordnung bedroht, die der Natur und der Wissenschaft gleichermaßen anhaftet. Tatsächlich bricht die Unordnung heftig und unerwartet aus, als ein Fünfzehnjähriger an Bord plötzlich erblindet, ohne daß Guido Rizzi etwas dagegen unternehmen kann. «Die Verletzlichkeit der Augen», meint dazu Annette Kopetzki, «versinnbildlicht die Blindheit der Menschen füreinander und gegenüber den eigenen Schwächen, ihre falschen Einschätzungen des anderen und ihre gegenseitigen Täuschungen. Una crociera ist ein trauriges, aber ganz unsentimentales Buch, das seine Leser nicht schont, und ihnen kein glückliches Ende schenkt».
      Der Roman kreist um die vier Hauptfiguren, er studiert sie sozusagen von innen, indem er sich vor allem der Technik der indirekten freien Rede bedient. Selbst die langen Dialoge werden nicht aus der heute kaum mehr haltbaren Perspektive eines allwissenden Erzählers dargestellt, sondern aus der des jeweiligen Beobachters. So kommt es zum Beispiel vor, daß ein Dialog an einer wichtigen Stelle von den abschweifenden Gedanken der einen oder anderen Figur unterbrochen wird. Der Autor selbst stellt hier einen Standpunkt unter anderen dar, ist also sozusagen auch eine Romanfigur: und tatsächlich erscheint er manchmal als Teilnehmer der Ereignisse, wie beispielsweise am Ende des 15. Kapitels («Bruno Brancucci guardò in qua, proprio verso di me che racconto questa storia...»: schaute zu mir herüber, der ich diese Geschichte erzähle). Dies hat übrigens keine innen- oder metaliterarische Bedeutung, sondern soll bloß die Tatsache vergegenwärtigen, daß es im Roman keinen bevorzugten Standpunkt gibt.
      Dieser ständige Wechsel der Perspektive untergräbt allerdings nicht die Einheit und Entwicklung der Handlung, die aus einer Abfolge objektiver Ereignisse besteht, wie unterschiedlich die agierenden Personen sie auch immer erleben können. Die Erzählung bleibt fest in den Händen des wirklichen Erzählers, an keiner Stelle verliert die Geschichte ihre Umrisse, und der Leser kann sie immer mühelos verfolgen und genießen, allerdings ohne sich der Täuschung hingeben zu dürfen, daß diese Geschichte etwas Unabhängiges von den sie erlebenden und bestimmenden Personen wäre.

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