Cesare De Marchi
 
 
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Una crociera - Text 1

 

Er hatte sie in einer Pizzeria kennengelernt, am Tisch seiner Studenten; zunächst hatte das neue Gesicht ihn eigentlich nicht interessiert, höchstens weil eine der schmalen Augenbrauen sich in einem sonderbaren Ausdruck des Erstaunens zur Stirn hob. Er hatte ein paar Worte mit ihr gewechselt, erfahren, daß sie nicht Medizin studierte, vielmehr schon ihr Universitätsexamen in Sprachen hatte und auf eine Stelle an der Schule hoffte; kaum hatte sie gemerkt, daß es ihm unangenehm war, hatte sie die Zigarette ausgedrückt. Und offenbar hatte er sich, wie, erinnerte er nicht mehr, ihre Telefonnummer geben lassen: denn ein paar Tage später hatte er sie mit der entschlossenen und ein wenig arroganten Ungezwungenheit, die ihm durch seine Position zugewachsen war, angerufen, um sie zum Abendessen einzuladen: bei sich zu Hause, in seiner Junggesellenzweizimmerwohnung, die mit kühler Angemessenheit eingerichtet war und von einer Aufwartefrau in Ordnung gehalten wurde. Und sie hatte ihn nicht warten lassen: war pünktlich erschienen, in einem schönen grünen Kleid, frisch vom Frisör. Neben ihm auf dem Sofa sitzend, hatte sie ihren Aperitif getrunken, mit langsamen Schlucken, ihn dabei immer von unten wieder mit diesen erstaunten Blicken angesehen und gelegentlich ein Lächeln angedeutet. Sie hatte fast nicht gesprochen, war desorientiert und verwirrt erschienen; daß sie eingeschüchtert sein könnte, war ihm seltsamerweise nicht in den Sinn gekommen. Als er sich, nachdem das Glas abgestellt war, anschickte, sie zu küssen, hatte sie sich zu ihm vorgebeugt, dabei die Augen geschlossen und ihm die Arme um den Hals gelegt; und kaum daß die Lippen sich voneinander lösten, hatte sie sich, bevor er noch zeigte, daß er es wünschte, in einer Weise, die etwas von der eilfertigen Opferbereitschaft der Gewohnheit hatte, und ohne sich noch vom Sofa zu erheben, ausgezogen.
      In seinem erhitzten und enttäuschten Kopf war sofort ein klar umrissener Gedanke aufgetaucht: wieder so eine. Und während er sich küssen ließ oder (es war ihm selbst nicht genau bewußt) sie erneut küßte, dachte er noch einmal: ich werde sie ein paar Abende lang halten, dann fängt es wieder von vorne an. Doch keine zwei Tage waren vergangen, da merkte er, auf halbem Wege in einem Flur der Augenklinik, daß er nicht darauf verzichten konnte, ihre Stimme zu hören: jetzt sofort, bevor er den Hörsaal betrat, dort, wo Kollegen und Studenten vorübergingen, aus dem Münztelefon an der Wand. Er hatte sich mit den Fingern in den Löchern der Wählscheibe verheddert, hatte die Nummer erneut gewählt, es läuten lassen, benommen wie er war, wieder läuten lassen, lange: bis jemand antwortete: wenige, atemlos gesprochene Worte, die ihn mit Ruhe überflutet hatten. Sie sei gerade hereingekommen, habe das Telefon gehört, sei gelaufen...
      So hatte sich Guido Rizzi, der launischen Schicksalhaftigkeit des Zufalls gehorchend, verliebt: er, ein praktischer und methodischer Mensch, der es in zehn Jahren durch seine wissenschaftlichen Forschungen, die ihm Würdigungen und Berühmtheit in Italien und im Ausland eingetragen hatten, zu einer Privatdozentur und dann zum Lehrstuhl gebracht hatte; unversehens war er gelähmt, in einen Aufruhr der Seele hineingeraten, den er seit seiner Jugend nicht mehr erlebt hatte: und das alles wegen jener intimen Begegnung, die so vorhersehbar und wie hundert andere und im Grunde so vulgär gewesen war, daß man sie nicht hätte wiederholen wollen. [...]
      Sie fingen an, sich jeden Abend zu sehen oder, wenn der Beruf ihn auch abends in Anspruch nahm, spät nachts. Ihm war, als würde er Schlaf nicht mehr kennen; er versank in einer Zuneigung, die keine Umarmung stillen konnte. Es gehört zu den traurigen Grenzen des Menschseins, daß man, um das unkörperlichste aller Gefühle wach zu halten, einen anderen Körper sehen und berühren muß, ohne daß dieses Berühren und Sehen jemals zu einem Abschluß kommen kann. Wenn ihm dann auch diese körperliche Gegenwart fehlte, fühlte er sich völlig verloren. Er entdeckte, oder meinte entdeckt zu haben, wie flüchtig das in seinem Gedächtnis aufbewahrte Bild Chiaras war, und mühte sich, es im Geist wieder zusammenzusetzen, und um sich zu behelfen, durchsuchte er die Menge auf den Straßen, in den U-Bahnen mit seinem Blick, hielt bei jeder weiblichen Gestalt Ausschau nach einem Merkmal, das Ähnlichkeit mit ihr hatte, eine kleine Wiederholung der Natur ein Ohr, die Lippe, nicht mehr die der Phantasie zu Hilfe kommen könnte; und tatsächlich fand er sie früher oder später auch: doch immer war es ein nur winziges Detail, an dem er ermessen konnte, wie einzigartig ein Gesicht war. Und es handelte sich nur um ein Gesicht, nicht um die Person.

(Aus Una crociera, Feltrinelli, Milano 2000, S. 1516. Deutsch von Annette Kopetzki; © Cesare De Marchi)

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