Cesare De Marchi
 
 
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Una crociera - Text 2

 

Ein helles Licht fiel auch damals durch alle Fenster, und auch damals war es nach dem Mittagessen gewesen. [...] Sie war ins Wohnzimmer hinüber gegangen: die Heizungen glühten, es war drückend heiß wie im Gewächshaus. [...] Auf dem Tisch lag ein Fotoalbum mit einem gehäkelten Einband: sie hatte es mit zerstreuter Neugierde aufgeschlagen und das Familienalbum erkannt. Früher hatte sie um Erlaubnis fragen müssen, bevor sie es anschaute, und beim Umblättern das geöffnete Händchen zwischen die Seiten legen müssen, damit sie keine Eselsohren bekamen.
      Sie erinnerte sich noch gut an das erste Foto, ein glanzloses Viereck aus Pappe, auf das die Gestalten der väterlichen Urgroßeltern gedruckt waren, in steifer Haltung, mit erhobenem Kinn, die Augen durch den Magnesiumblitz irritiert. Es folgten Großeltern und Großonkel, und die Großeltern mütterlicherseits, paarweise, kerzengerade in ihre Festtagskleider eingeschnürt, vor einem trostlosen, schmutzig-weißen Hintergrund. Dann änderten sich die Orte, die Posen verloren an Steifheit, die Bilder wurden zahlreicher. [...]
      Am Schluß gab es zwei Fotos. Sie hatte nicht mehr daran gedacht, sie war überrascht. Nach dem dezenten und ein wenig unwirklichen Helldunkel der Schwarzweißfotos wirkten diese auf den ersten Blick wie unordentliche Farbflecke, so grell leuchteten sie, daß sie fast ihre Ränder sprengten. Eines war das Foto von ihrem Examen, nur ihr Oberkörper war zu sehen, unter dem Arm die Diplomarbeit, in hellblaues Leinen gebunden: ihr strahlendes Gesicht, drei Jahre noch, bevor sie Guido kennenlernen sollte, sie lächelte, es war ihr nicht bewußt, daß sie so grüne Augen hatte. Das andere Foto war das von der Hochzeit: Guido und sie traten aus dem Portal einer Kirche, mit leicht gekrümmtem Rücken und unter einem Regen weißer Reiskörner einer an den anderen gedrückt. Sie wirkten fröhlich. Doch in diesen beiden Farbfotos gab es etwas, das den vorhergehenden fehlte; als ob hier eine Grenze verlief, jenseits derer alles in die Vergangenheit zurückfiel. Es war nicht jener banale Blickwinkel der Selbsttäuschung, daß man die Zeit mit der eigenen Person beginnen läßt; es war eine präzise Empfindung, die von selbst entstand, jetzt im Moment, in der Trägheit jenes Nachmittags. Das Sein hatte sich in Augenblicke aufgelöst und in Bewegung gesetzt. Plötzlich, ohne Vorwarnung. Und es genügte, im Album ein oder zwei Seiten zurück zu blättern, damit die Empfindung verschwand: auch dort, wo sie als Kind abgebildet war, wie hier, im Nachthemd zwischen den halb geschlossenen Läden des Balkons, mit einem großen, emaillierten Nachttopf, der ihr aus der Hand fallen wollte, und den sie festhielt, während sie ganz konzentriert nach oben blickte und die Unterlippe vor Anstrengung zwischen die kleinen Zähne preßte; auch hier war es die gleiche Welt der ferneren Fotografien, eine stillstehende Welt ohne Geschichte; und sie war nicht sie.
      Chiara blickte in sich hinein, und es gelang ihr nicht, zu erkennen, wann das Unbehagen entstanden sein mochte; sicher an irgendeiner Stelle zwischen dem Kinderfoto und den schreienden Farben dieser beiden hier: von da an die ungeduldige Erwartung von irgendetwas, was die Unbeweglichkeit ihres Lebens aufbrechen könnte. Und sie hatte nicht einmal erwartet, daß die sogenannte Zukunft ihr entgegenkommen würde, im Gegenteil, sie hatte ihr geholfen, indem sie rastlos von einer Erfahrung zur anderen wechselte, Treffen Feste Reisen Liebschaften; und wirklich war das Eis in Tropfen und Rinnsalen in Bewegung geraten, es bröckelte ab, es lief; allein die Ungeduld war geblieben, dort saß sie, wachsam und weit aufgerissen wie ein schlafloses Auge, ohne je einen Augenblick Frieden zu finden. Leeres Warten, es gab kein Leben außerhalb dieser Ungeduld, die das Mögliche und das Wirkliche ohne Unterschied zermahlte. Und merkwürdigerweise stürzte die dumpfe und leere Zeit der gleichförmig vergehenden Tage jetzt um so frenetischer vor sich hin, je träger sie ihr vorher, am Anfang ihrer Verbindung mit Guido, erschienen war, und stimmte schließlich ganz mit ihrem Gefühl überein, an die Gegenwart gefesselt zu sein, während ein Strom von verworrenen und sinnlosen Ereignissen durch sie hindurchging. Es war die Langeweile, jenes ausschließliche Wahrnehmen der Zeit; sie kam von innen, wie die Zeit von innen kam.

(Aus Una crociera, Feltrinelli, Milano 2000, S. 6164. Deutsch von Annette Kopetzki; © Cesare De Marchi)

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