Cesare De Marchi
 
 
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Una crociera - Text 4

 

"Na gut", sagte Brancucci, "dann werde ich mich deutlicher ausdrücken. Nehmen wir einen Fall, der als geradezu exemplarisch für das Gebiet der Moral gilt: der Ehebruch. Sie werden mir doch nicht in Ohnmacht fallen, wenn wir darüber sprechen? Gut, das freut mich. Ich kann so viele Paare beobachten, wie ich will, ehebrecherische oder nicht, und ich kann über die Häufigkeit und Verbreitung des Ehebruchs spekulieren, doch es wird mir nie gelingen, daraus irgendwelche Schlüsse über seine sogenannte Unrechtmäßigkeit zu ziehen. Aus einem Faktum läßt sich keine Norm ableiten, das ist alles. Und hierauf kommt es an: denn aus der Wirklichkeit, ob sie uns nun gefällt oder nicht, haben wir unsere gesamten Kenntnisse gewonnen; wenn die Wirklichkeit sich nun aber über unsere vermeintlichen Pflichten ausschweigt, dann weiß man bei denen nicht mehr, wo sie hergekommen sein sollen. Können Sie mir folgen?"
      Pancaldi nickte: aber man sah, daß durch die Mühe, mit dem Argument Schritt zu halten, was seinem Gehirn Blut abverlangte, die Blässe der Übelkeit verschwunden war.
      "Aber Pflichten", sagte er, aufs Geratewohl vielleicht, "die gibt es."
      "Ach ja, gibt es die? und wo? In Ihrem Kopf, mag sein, in meinem sicher nicht; ob es in dem von Professor Rizzi und seiner Frau welche gibt, ist, sagen wir mal, nur um nicht zu weit zu gehen, zweifelhaft. Nun weiß ich zwar nicht, warum sie sich in Ihrem Kopf befinden, doch ich kann Ihnen garantieren, daß sie weder mit einer Elektrode noch mit Ihrem netten Hammer von Ihrem in meinen Kopf übergehen würden."
      Er hatte wieder Oberwasser, Brancucci beherrschte seine Ironie wieder vortrefflich.
      "Ich gestehe", sprach Guido Rizzi, fast flüsternd, weiter, "daß der logische Sprung von Fakten zu Normen mich nicht so beunruhigt wie Sie".
      "Und was machen Sie dann, leben Sie ohne Normen wie ich, oder suchen Sie sich so gut es geht welche aus, wie unser Pancaldi?"
      Dieser schob die Lippen vor, ein Zucken fuhr ihm die Kehle hoch und wieder hinunter, aber er protestierte nicht.
      "Ich würde mich aus dieser Alternative lieber ausschließen", antwortete der Professor, "und die Dinge von einem anderen Standpunkt aus betrachten".
      "Und der wäre?"
      "Der Mensch, wissen Sie?" sagte er, als spielte er auf etwas Bekanntes und nicht sehr Bedeutendes an, "diese unvorhergesehene Neuheit im Universum der physischen Tatsachen, die sich Werte schafft, indem er von sich selbst ausgeht, aber außerhalb der strikten biologischen Notwendigkeit".
      "Und welchen praktischen Vorteil haben Sie von diesem Standpunkt?"
      vGuido Rizzi drehte den Stiel seines Glases zwischen den Fingern, ohne es vom Tisch zu heben; die rosafarbene Flüssigkeit schwappte hin und her.
      v"Praktisch keinen: ich würde sogar von Nachteil sprechen, denn das macht es mir unmöglich, diesen Werten gegenüber Stellung zu beziehen. Außerdem besitze ich nicht einmal die entsprechende Kompetenz, um mich damit zu befassen."
      "Entschuldigung", sagte Pancaldi, "habe ich sie denn etwa? Die Moral geht alle an, also können auch alle darüber reden. Sie mit um so größerem Recht, als Sie ein Mann der Wissenschaft sind".
      "Was das betrifft, bin ich nur ein Augenarzt, und bei den Dingen, die man nicht mit und im leiblichen Auge sieht, ist mein Sehvermögen nicht besonders scharf; auf jeden Fall verleihen meine Kenntnisse auf diesem Gebiet mir keine größere Autorität in unserer Frage; und wenn das so ist, dann handelt es sich eindeutig um eine unverdiente Autorität".
      "Meinen Glückwunsch!" tönte der Blonde so laut, daß der Deutsche sich an seinem Tisch umdrehte. "Nach diesem Bekenntnis zur Bescheidenheit haben unsere Erwartungen und Ihre Autorität einen großen Fortschritt gemacht".
      "Das ändert nichts daran, daß ich, wenn ich meine Inkompetenz erkläre, kein Bekenntnis zur Bescheidenheit ablege".
      "Schon gut, entschuldigen Sie bitte", erwiderte Brancucci schroff. "Ich höre Ihnen zu".
      Wie Chiara sehen konnte, suchte auch Pancaldi mit dem Rücken nach der Lehne seines Stuhls und machte sich bereit, zuzuhören.
      "Von allen Wesen, die auf unterschiedlichen Wegen zu überleben versuchen, setzen nur wir uns Ziele und widmen einen mehr oder weniger großen Teil unseres Daseins der Erreichung dieser Ziele. (...) Die Wahrheit ist, daß wir einfach keine chemischen Maschinen und ebensowenig logische Maschinen sind: nicht, weil wir nicht auch chemisch oder logisch funktionieren, im Gegenteil, sondern, weil wir keine Aktivierung von außen benötigen. Wenn wir die Augen öffnen, geht ein elektrochemischer Impuls durch unseren Sehnerv und dringt bis zu der gefurchten Region des Gehirns vor, wo unsere Bilder von der Welt auf eine noch weitgehend unbekannte Weise aufgehen. Es könnte ganz ähnlich sein wie bei einem Fernseher, nur daß wir selber der Schalter unserer Sehvorrichtung sind; und dieses Minimum an Selbstbestimmung macht aus uns ganz besondere Maschinen. Wir denken, gewiß sehr viel langsamer und mühevoller als ein Computer, aber der Wert, den wir logischer Folgerichtigkeit verleihen, ist selber kein logisches Faktum; wir ärgern uns zum Beispiel über jemanden, der andere Ansichten hat als wir, und dieser Ärger ist für sich genommen ein chemisches Ereignis, es sind die Markkapseln unserer Nebennieren, die Adrenalin produzieren und es ins Blut ausschütten: doch der Grund, warum wir uns ärgern, ist bestimmt nicht chemisch, und eigentlich nicht einmal logisch. Vielleicht ist diese Selbstbestimmung ja eine biologische Redundanz und mehr, als für die Anpassung an die Umwelt unbedingt nötig wäre; und all unsere Ziele und Vorlieben und Urteile unsere Normen, würde Doktor Brancucci sagen sind jene großen abstrakten Körper, in denen sich die überschüssigen Energien des Zentralnervensystems in seiner am höchsten entwickelten Form ansammeln".
      Guido Rizzi streckte die Hand nach seinem Weinglas aus, führte es zum Mund und leerte es fast wie ein Durstiger. (...)
      Die Unordnung, nicht die Ordnung, ist der natürliche Zustand des Universums und darum das, worauf das Universums sich unaufhaltsam zu bewegt. (...) Was wir Ordnung nennen, zum Beispiel das Leben, ist nichts anderes als eine Reihe perfekter chemischer Reaktionen, die möglich sind, weil Energie zur Verfügung steht; darum dürfen wir die moralischen Ideen und Bemühungen des Menschen als den Ausdruck einer Energie verstehen, die ihrem eigenen Abbau widersteht. (...) Es ist ein von Anfang an verlorener Kampf, sowohl für das Individuum, das sterben muß, als auch für unsere Gattung, die auf einem Felsblock hervorgesprossen ist, der zunehmend kälter wird, während er um einen verlöschenden Stern kreist: und doch können wir nicht umhin, diesen Kampf zu führen, denn von allen Kräften, die gegen die trägen, physikalischen Systeme verstoßen, sind wir Menschen die bedeutendsten. Zweifellos hat der Kosmos keinen Sinn, und auch wenn er einen hätte, wäre unser menschlicher Blickwinkel zu eng und zu aufdringlich, als daß er ihn erkennen könnte. Also ist die einzig sinnvolle Tat, die uns freisteht, unsere kleinen Pläne jenem Fehlen eines großen Planes entgegenzusetzen; und die einzige unmoralische Handlung, uns in irgendeiner Art und Weise zum Anhänger der Unordnung zu machen".

(Aus Una crociera, Feltrinelli, Milano 2000, S. 198201. Deutsch von Annette Kopetzki; © Cesare De Marchi)

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