Cesare De Marchi
 
 
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Fuga a Sorrento

 

Fuga a Sorrento, 2003 von Feltrinelli herausgebracht, stellt «drei Geschichten» vor, drei lange Erzählungen, die zwei Dinge gemeinsam haben: Zum einen geht es in allen drei Texten um das Thema Wanderschaft, zum andern steht jeweils eine historische oder jedenfalls in die Historie eingebundene Gestalt im Mittelpunkt. De Marchi zeigt in der Tat eine besondere Vorliebe für die Rekonstruktion der historischen Zeit, die zugleich (namentlich in der ersten Erzählung) auch eine sprachliche Rekonstruktion beinhaltet. Diese historische Rekonstruktionsarbeit darf freilich nicht als Hinwendung des Autors zu einer realistischen und objektivistischen Technik aufgefaßt werden: Ganz im Gegenteil ist das, was die anderen Romane, besonders den jüngsten (Una crociera) ausgezeichnet hat, auch in diesen «drei Geschichten» unverkennbar: Die nahe und ferne Vergangenheit, der Hintergrund des vierzehnten beziehungsweise des sechzehnten Jahrhunderts werden nicht in einem präzisen, festumrissenen Gemälde wiedergegeben, sondern fließen in die Sichtweise der Figuren ein und unterliegen daher mehr oder weniger stark ausgeprägten Verzerrungen.
      Am größten ist die Verzerrung in der titelgebenden Erzählung, in der Torquato Tasso (der erst in der letzten Zeile des Texts genannt wird), von Albträumen und Obsessionen gepeinigt und von realen oder eingebildeten Feinden verfolgt, durch Italien flieht, sich in Gaeta einschifft und schließlich in Sorrent als Hirte verkleidet seine Schwester aufsucht, um ihr seinen eigenen Tod anzukündigen. Eine fieberhafte Reise: Zeitwahrnehmung, Landschaften, Personen erscheinen entstellt durch die Psyche des Protagonisten, die Außenwelt wird gleichsam zur Projektion seiner Angst. Das mentale Leiden, das sich in Il bacio della maestra (S. 111) schon angekündigt hatte, nimmt hier die ins Gigantische gesteigerten, verzerrten Konturen des Krankhaften an «jenes mentale Leiden, auf das er ein furchtbares Vorrecht zu haben fühlte und das die anderen mit kalter Grausamkeit schürten» (S. 73) und liefert das Gerüst für dieses introspektive Fresko. Zu beachten ist hier auch der starke Effekt der perspektivischen Entfernung und jähen Annäherung - gleichsam eine Zusammenfassung und innere Nachprüfung des Erzählten - der durch den Gebrauch des etwas ungewöhnlichen Plusquamperfekts erzielt wird, welches erst dann dem normalen historischen Perfekt weicht, als die entscheidende Begegnung mit der Schwester und die Auflösung der Handlung bevorsteht. (Fuga a Sorrento erschien, wie wir aus der Anmerkung zum Text erfahren, 1987 in einer Zeitschrift und wurde jetzt «sorgfältig überarbeitet und von einigen vermeidbaren Redundanzen befreit.»)
      Die Erzählung Insipiens quidam, die den Band eröffnet, ist nachgerade virtuos zweigleisig ausgeführt: eine Figur von heute, der Florentiner Professor Petrucci, ein «zweitrangiger Philologe», und ein unbekannter und verkannter großer Dichter des vierzehnten Jahrhunderts, Lapo Pegolotti. Von ihm findet Petrucci im Archiv der Nationalbibliothek von Florenz zahlreiche Briefe und ein Epos in Terzinen. Lapo ist in Wirklichkeit ein Kaufmann, der seine Geschäfte vernachlässigt, um der Chimäre der Dichtkunst nachzujagen, und wirklich gelingt es ihm (so behauptet jedenfalls er selbst), von Dante in Ravenna empfangen zu werden; er wird - nur widerwillig geduldet - Zeuge von Petrarcas Aufstieg auf den Mont Ventoux, trifft nach der Pest in Florenz Boccaccio und rettet dessen Decameron. Das Wechselspiel zwischen dem Professor und dem Kaufmann grenzt oft ans Grotteske und ans sprachliche Pastiche (S. 16-17) und rückt diese Erzählung in mancherlei Hinsicht in die Nähe von Texten wie Bombe oder Il talento.
      Groteske Töne klingen auch in der letzten Erzählung Sulle Alpi an, in welcher der Philosoph Hegel, mittlerweile auf dem Gipfel seiner Laufbahn angelangt, einen mehrtägigen Ausflug in die Berner Alpen unternimmt. Humorlos, stets «verfinstert von der inneren Kraft der Gedanken», unleidlich gegenüber den zwei ihn begleitenden Assistenten, gerät er angesichts eines Porträts des verabscheuten Washingtons in Rage und erinnert sich ohne jede Mitleidsregung an den Wahnsinn seines Jugendfreunds Hölderlin. Die Handlung nimmt eine auch durch den Wechsel des impliziten Subjekts der freien indirekten Rede markierte Wende, als einer der beiden Assistenten (S. 146-47) innerlich auf Distanz zum überheblichen Meister zu gehen beginnt und unter Verzicht auf die Rückkehr nach Berlin und die Fortsetzung seiner Universitätslaufbahn die kleine Gruppe schließlich verläßt.
      In das Thema der Wanderung ist also noch ein zweites Motiv eingeflochten, nämlich das des Wahnsinns, in dem vielleicht in neuer Form das dem Autor wichtige Thema der Unordnung wiederkehrt. Der Wahnsinn, der Professor Petrucci ergreift, als die Überschwemmung in Florenz die von ihm wiedergefundenen Manuskripte verschlingt, der Wahnsinn Hölderlins, der in der Erinnerung an einen Besuch bei dem alten Dichter im Tübinger Turm erlebt wird, und vor allem die ausführliche Schilderung von Tassos Schizophrenie scheinen die Struktur des Realen aus den Angeln zu heben und bedrohen sogar die Sprache, in der sie sich verkörpern, verwickeln sie in labyrinthische Satzwindungen und zerreißen ihren Rhythmus, um sie dann aber doch immer wieder im Erzählfluß aufzufangen. Der Bruch der Ordnung des Realen - und genau dies scheint De Marchis Bemühen - gewinnt nie die Oberhand über die Ordnung des Wortgefüges.

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