Cesare De Marchi
 
 
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Fuga a Sorrento - Text 2

 

Er hatte auf einem Stuhl gewartet; vielleicht hatte er geschlafen, denn ihm war kein Verstreichen von Zeit bewußt gewesen, als er das gute, offene Gesicht des alten Grafen vor sich gesehen hatte. Dieser hatte ihn herzlich begrüßt und ihn aufgefordert, ihm zu verstrauen; dann hatte er ihn in ein anderes Zimmer geführt, an einen gedeckten Tisch; ihn mit geradezu väterlichen Worten gebeten, er möge sich mit einem Frühstück laben.
      Und er hatte sich niedergesetzt und die warme Milch getrunken und vertrauensvoll die kleinen, warmen Weißbrote gegessen, die Graf Cesare ihm eins nach dem andern reichte, nachdem er mit einem Löffel einen goldenen Honigfaden darauf geträufelt hatte. Wiel viel Dankbarkeit hatte er empfunden für diese Geste der demütigen Hingabe, wie viel Wohlwollen entdeckt in diesen leicht geröteten Augen, in der ruhigen, sonoren Stimme.
      «Nun also, mein liebwerter Herr, was ist mit Euch? Was kann Euer Freund, Graf Lambertini, für Euch tun?»
      Und einen Augenblick lang hatte er geglaubt, ihm alles sagen zu können:
      «Ich fliehe aus Ferrara, Graf Lambertini. Verfolgt werde ich, Herr Graf, allzu grausam verfolgt, Feinde am Hof habe ich, sehr mächtige, vor denen ich mich nicht schützen kann, weil ich nicht weiß, wer sie sind: Und als Ketzer haben sie mich angeklagt beim Heiligen Uffizium, und dann wollten sie mir mit Gift das Leben nehmen... meherere Male; doch habe ich alle Speisen und Getränke abgelehnt...», und während er sprach, hatte er die Ärmel hochgeschoben bis zum Ellenbogen und die hageren, zittrigen Arme hergezeigt. «Ich hab Speisen und Getränke abgelehnt; heimlich habe ich gegessen, solange es möglich war: die letzten Tage jedoch habe ich gänzliche gefastet, denn sie hatten mich eingesperrt in meine Gemächer.»
      Hier hatte er mit einem neuen Anfall von Argwohn seine Milch weitergeschlürft und dabei hinter der Tasse hervor das Gesicht des Grafen belauert. Es schien sich versteinert zu haben.
      «Ich fliehe nicht und komme nicht aus eigenen Antrieb zu Euch», war er, sich selbst korrigierend und ins Stottern geratend, fortgefahren. «Die He-herzogin gebietet es mir zu meiner eigenen Si-sicherheit, und sie gebietet Euch, mich unversehrt nach Bo-bologna gelangen zu lassen.»
      Der Graf hatte mit den Händen seine Hand umfaßt.
      «Mein liebewerter Herr, niemals wird es dazukommen, daß ich einen Befehl Ihrer Durchlaucht, der Herzogin mißachte, und erst recht nicht, daß ich es unterlasse, Euch eine Hilfe zu gewähren, die Euch die Gesundheit und vielleicht das Leben retten kann. Doch mein guter Herr, Ihr erscheint mir erschöpft und heruntergekommen», hatte er hinzugefügt und dabei auf die Bauernkleider gedeutet, die er völlig vergessen hatte; «Ich werde Euch bis ans Ende der Welt geleiten, aber ich hielte mich verantwortlich für jegliches Ungemach und Übel, das Euch widerfahren sollte...» der Graf hatte ihn erneut angesehen, bevor er weitersprach. «Ich bitte Euch deshalb, ein paar Stunden zu ruhen, währenddes die Kutsche angespannt wird; und ich wünsche auch, daß Ihr, bevor wir uns auf den Weg machen, ein gutes Mahl mit mir einnehmt.»
      «Nein. Laßt sofort anspannen!» Fast wie ein Schrei war ihm die Stimme entfahren; er hatte innegehalten und sie zu dämpfen versucht: «Ich bitte Euch, Graf Lambertini, bedenkt doch, meine Feinde sind wachsam und haben gewiß schon bemerkt, daß ich aus Ferrara...»
      «Sie können aber nicht wissen, daß Ihr hier seid noch werden sie je den Verdacht hegen.»
      «Begreift Ihr nicht? Sie werden Reiter auf alle straßen aussenden, sie werden nicht ablassen, bevor sie mich nicht wiedergefunden haben... Was glaubt Ihr, weshalb ich mich verkleidet habe?»
      «Die Verkleidung ist nun überflüssig: Ihr werdet in meiner Kutsche reisen, mit geschlossenen Gardinen.»
      «Sie werden sie aufziehen, werden hineinscheuen wollen.»
      «Ich werde bei Euch sitzen und es zu verhindern wissen: Ich werde aussteigen, mit ihnen reden, werde sagen, daß ich im Auftrag der Herzogin reise mit einer hochrangigen Persönlichkeit, die inkognito bleiben soll.»
      «Ihr werdet sie erst recht argwöhnisch machen! Ich habe Angst, Herr Graf, jeder Augenblick Verzögerung kann mir zum Verhängnis werden. Ihr wißt nicht, wie grenzenlos die Macht, wie erbittert de Zorn meiner Verfolger ist.»
      «Aber mein liebwerter Herr, all diese Befürchtungen sind doch grundlos; nun beruhigt Euch, ich bitte Euch. Ihr erscheint mir fast von Sinnen...»
      Nun war es also heraus, das Wort, hervorgestossen wie die meuchlerische Waffe aus einem Mantel heraus. Stumm hatte er es hingenommen und unerwidert gelassen. doch er hatte beobachtet, wie sich die schlaffen Lider des Grafen zu einem schmalen Schlitz verengten, in dem katzenhaft die Pupille zuckte. Er steckte auch mit drin in der Kabale mit den anderen; er hatte alles schon vor seiner Ankunft gewußt, ja er hatte auf sein Kommen gehofft, hatte auf ihn gewartet und sich Reden zurechtgelegt, Gebärden eingeübt, die ganze Täuschungsmaschinerie hergerichtet. Und er war in die Falle getappt, gleich würde er gefaßt werden: Sie würden zur Tür hinter ihm hereinkommen und ihn fassen; Und er war unbewaffnet, es gab keine Messer auf dem Tisch, der Graf hatte den Degen nicht gegürtet, den er ihm aus der Scheide hätte reißen können. Als er ihn jetzt erneut ansah, bemerkte er wieder dieses freundliche Lächeln um seine Lippen, diesen gewollt sanften Blick, der ihn dazu verleitet hatte, sich anzuvertrauen; Und nun war er ganz sicher, daß er sich nicht irrte, ihm blieb nichts als Ruhe vorzutäuschen, Vertrauen zu bekunden, um seinerseits Vertrauen zu erschleichen.
      Unterdessen hatte er den Stuhl zurückgeschoben, sich erhoben und dabei seinen Filzhut, in dem er eine Goldmünze versteckt hielt, so unbefangen wie möglich von einem der Zierknäufe der Rückenlehne genommen. Der Alte schaute ihn mit weit offenen Augen an, als lese er seine Gedanken. Er spürte, wie er zusammenzuckte; war er doch schon oft in lenge Selbstgespräche verfallen, außerstande die lästigen Gedanken zu ersticken: und oft, wenn die Melancholie von ihm wich, war er im Zweifel, ob er bloß dem stummen Lauf seiner Phantasie gefolgt oder leibhaftig geredet hatte. Auch jetzt hatte der Gedanke etwas wie einen Nachhall von Lauten hinterlassen, der sich in seinem Kopf breitmachte: Alles in seinem Kopf schien so aufgewirbelt, daß das Wirkliche sich nicht mehr vom Fiktiven trennen ließ: er trieb im Strudel der Empfindungen, eine seltsame Unordnung wuchs in ihm...
      Schweigend hatte ihn der Graf durch die Tür treten und fortgehen lassen. Als er sich, schon weit weg auf der Straße, ein letztes Mal umwandte, hatte er ihn oben auf der Trppe nur leicht die Hand öffnen sehen, ohne den Arm vom Oberkörper zu lösen, mit einer verhaltenen Geste eher vielleicht des Bedauerns als des Abschieds.

(Aus Fuga a Sorrento, Feltrinelli, Milano 2003, S. 6771. Deutsch von Renate Heimbucher; © Cesare De Marchi)

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