Cesare De Marchi
 
 
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La furia del mondo

 

An diesen Roman, der 2006 bei Feltrinelli erschienen ist, begann der Autor schon 1997 kurz nach der Veröffentlichung von Il Talento zu denken. Mehrere Jahre hindurch, mitten in der Niederschrift von Una crociera und noch während der Arbeit an den Dunkelmännerbriefen, entwarf De Marchi diesen neuen Plan, der eine umfangreiche Begleitlektüre voraussetzte. Es handelt sich in der Tat um einen wenn nicht historischen (dem Autor missfällt offensichtlich diese Definition), so doch einen in der deutschen Geschichte spielenden Roman. Er spielt am Ende des 18. Jahrhunderts in dem kleinen Fürstentum Hohenlohe nahe der Grenze zum Herzogtum Württemberg. Nach einem in traditionellem Stil gehaltenen Prolog, der die mittelalterliche Legende des Kirchenbaus in dem Dorf Kirchensall erzählt, konzentriert sich der Roman auf die Bauernfamilie des kleinen schwächlichen Abel. Abel, dessen Geburt hier eigenwillig dargestellt wird, ist zwar für die Feldarbeit ungeeignet, jedoch von außerordentlicher Sensibilität und Intelligenz. Die enge Welt des Dorfes, wo er zuerst die Magd Christa als einzige Gefährtin hat, erschließt sich ihm allmählich, und es beeindruckt die Geschicklichkeit, mit der der Autor dem Leser die erzählten Ereignisse durch die Augen seiner Romanfigur vermittelt, wie beispielsweise als Abel zum ersten Mal dichtet.
      Komplexer entwickelt sich der Roman durch das Auftreten der zweiten Hauptfigur, des evangelischen Pfarrers Rupprecht Radebach. Nachdem dieser zunächst befürchtet hat, Abel könne an dem von ihm «bei unterernährten Kindern armer Familien» so oft bemerkten Schwachsinn leiden, überzeugt er sich vom Gegenteil und macht es von diesem Moment an zu seinem Lebensinhalt, dem Bauernjungen eine bessere Zukunft zu ermöglichen.
      Radebach, die Schlüsselfigur des Romans, hat nicht immer im Dorf gelebt und war auch nicht schon immer evangelisch: er hat eine brillante Laufbahn in der katholischen Hierarchie und ein bequemes Leben in Rom hinter sich. Nach neun Jahren hat er infolge einer Liebes- und Bekehrungsgeschichte, die eine Art Roman im Roman darstellt, diese Stadt plötzlich verlassen. Die eigentliche Handlung beginnt, als Radebach Abels Eltern vorschlägt, dem Kind Privatunterricht zu geben. So wird das kleine Arbeitszimmer im Pfarrhaus trotz seiner Abgeschiedenheit zu einem unglaublichen Observatorium der Welt. Märchen und Volksbücher, die ersten Romane, die ersten Gedichte, die lateinische und italienische Sprache, dies alles lernt Abel kennen. Hinzu kommen, in den nachmittäglichen Unterrichtsstunden und -gesprächen mit dem Lehrer Radebach, die großen Kulturen, die großen Religionen und vor allem die «Epidemien der Grausamkeit» der europäischen Geschichte, welche Abel später in einem dichterischen Versuch «la furia del mondo», die Wut der Welt nennen wird. Fast kontrapunktisch zur Evokation dieser Grausamkeiten treten im Roman das Bauernleben, der Kampf um das materielle Überleben, die menschlichen und natürlichen Katastrophen in den Vordergrund.
      Der Leser spürt das Bedürfnis des Autors, die erschütterndsten Ereignisse wiederzuerzählen, seien es die kollektiven wie die Kriege oder die individuellen wie das Schicksal des Giordano Bruno oder des Jud Süß - als ob er hervorheben wollte, dass es keinen Fortschritt geben kann, ohne der Irrtümer und Schrecken der Vergangenheit zu gedenken. Der Schrecken dringt auch in Abels Familie und überwältigt neben einigen Nebenfiguren auch noch die zwei Hauptpersonen. Und doch spüren wir manchmal zwischen den Zeilen so etwas wie ein Vertrauen in die mögliche Güte des Menschen. Sie findet ihren Ausdruck in der Liebe, in der Dichtung und in der Musik (eine denkwürdige Szene ist einer Bachfuge gewidmet: S. 321-2), aber auch in der Religion, in der der nichtreligiöse Autor offensichtlich eine, vielleicht die wichtigste, Strategie sieht, mit der die Menschen versuchen, das eigene Leiden zu erklären und zu ertragen.
      Auch in diesem Roman bedient sich der Autor der erlebten Rede, die sein eigentliches Markenzeichen geworden ist. Hier wechselt aber die erlebte Rede zwischen den Perspektiven der beiden Hauptfiguren hin und her, so dass das Geschehen abwechselnd durch die Augen und Gedanken Abels und Rupprechts betrachtet wird. Der Satz drückt jeweils den gebrochenen Rhythmus der Unruhe, den wiederholenden der Wahnvorstellung, den entspannten der Gelassenheit aus. Im Vergleich zu früheren Werken gewinnt der Stil an Einfachheit und Bündigkeit, die Aussage wird direkter, die Verwendung von Adjektiven schlichter und der Gesamteindruck dramatischer. Nur streckenweise weicht die erlebte Rede anderen Erzählweisen. Abgesehen vom Prolog, von dem bereits die Rede war, finden wir Briefe oder Brieffragmente Radebachs, in denen die Bemühung des Autors sichtbar wird, sich der Sprache des 18. Jahrhunderts anzunähern. In den Dialogen der köstlichen Gymasiastenkapitel 20 und 21 ist die Sprache ganz auf das Milieu zugeschnitten.
      Aber das Reizvollste an diesem Roman ist vielleicht, daß er sich «zwischen zwei Realitäten» bewegt, der deutschen und der italienischen, wie der Autor selbst in einem 2004 in Nürnberg gehaltenen Vortrag geschildert hat.

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