Cesare De Marchi
 
 
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Die Wut der Welt - Text 1

 

Dunkles Wogen, Stille; Dunkelheit, körperloses Schweben; Höhle, Wärme, fließende, schwerelose Bewegungen; draußen, wer weiss wo, seltsames, fernes Gurgeln. Dann wie ein Engpass im Wasser: Bedrängnis, gedämpftes Hören; ein Schub, ein Sog, plötzliches Gefühl der Leere, Furcht: er glitt aus sich her-aus, fiel in blendende Helle, die durch die Augenlider drang, es nützte nichts, die Augen zuzukneifen, diesen Hautschleier zu knittern, zu verdicken, Flecken unerträglichen Lichts: nichts sonst, nichts als Leere, das Nichts, keine Materie, kein Ort, in dem man schwimmen konnte: nur fallen, ohne Halt, immer tiefer, Absturz... Und in der Blendung explodierende Töne, Scharren, Klirren von Metall, und stärker als alles ein Schrei, eine Lanzenspitze, ein Schmerz, es war Stimme, die aus dem Körper herausbrach, aus dem Mund - er hatte einen Mund, einen Körper dort an diesem nicht vorhandenen Ort, an dem man nicht von Flüssigkeit umgeben war, nicht den Grund berührte... er fiel atemlos, erstickte an seinem eigenen Weinen. Und jetzt Schrecken, es wurde etwas aus ihm herausgerissen, aus dem Bauch, aus einem Punkt mitten im Licht: wieder ein Ziehen in der Brust, wieder Weinen und wieder die Lanzenspitze; da, auf einmal, ein Berühren, ein Druck, hier in der Handfläche: Er berührte etwas und schloss instinktiv diesen Teil von sich darum, die Hand, damit griff er zu: ein Halt, ein Gegenstand, und sogleich breitete sich im ganzen Körper Erleichterung aus, Atem, er atmete kurz und mühsam, zwischen den seltener gewordenen, noch nicht ganz versiegten Schluchzern atmete er, leise, so ohne Wasser, ohne Augen im Licht, und im Verklingen der Geräusche dröhnte der Atem in seinem Kopf. Er war nicht allein in dieser Leere. Er war geboren und war nicht allein.

(Aus La furia del mondo, Feltrinelli, Milano 2006, S. 15. Deutsch von Maja Pflug; © Cesare De Marchi)

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