Cesare De Marchi
 
 
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Die Wut der Welt - Text 2

 

      Erst als er sicher war, dass er sich auf seine Beine verlassen konnte, beschloss er, nach der ihm angebotenen Hand der Magd zu greifen, die in den Stall hinunterging. Langsam setzte er erst den einen und dann den anderen Fuß auf jede Treppenstufe, bevor er die nächste ansteuerte, und kümmerte sich nicht darum, dass die Frau mit ein paar sachten Rucken versuchte, ihn zur Eile anzutreiben. Der Boden am Ende der Treppe war nicht aus Brettern: er bestand aus Steinplatten, rau durch die wollenen Socken, hart, wie sein Kopf vor nicht langer Zeit zu spüren bekommen hatte. Vor dem Betreten des Stalls musste er ein Paar Holzschuhe anziehen, schwer, polternd, erst die Streu brachte sie zum Schweigen. Plötzliche Wärme in dem langen Gang zwischen den Holzverschlägen, wo die riesigen Tiere standen: von den mächtigen Hinterteilen baumelten die Schwänze bis zur Höhe seines Blicks; ab und zu wandte sich ihm aus dem Halbdunkel mit raschelndem Geräusch ein großes Maul zu, darüber wässrige, vorstehende Augen, vor denen zu erschrecken unmöglich war; und aus den unablässig wiederkäuenden Mäulern sahen Heuhalme hervor, die plötzlich abknickten und verschwanden. Auch die Mäuler verschwanden wieder, nachdem sie seine Anwesenheit wahrgenommen hatten. Am Ende des Gangs ragte aus einem Holzkasten ein Berg weiche braune Erde auf; lachend sagte ihm die Magd, das sei lauter Scheiße: die Scheiße und Pisse der Kühe, die da auf dem Misthaufen gesammelt werde. Beim Lachen entblößte sie eine Lücke zwischen den oberen Zähnen, die beim Sprechen unsichtbar war. Sie zeigte ihm, wie sie mit der Schaufel zwischen die Beine der Tiere fuhr und sie dann voll mit dem dampfenden, tropfenden, mit Strohhalmen vermischten Zeug zurückzog, um es auf den Haufen zu kippen. Dass die Schweinerei weggeräumt wurde, verstand man; seltsamer war, dass man sie aufbewahrte.
      Manchmal trat die Magd mit einer großen, von eisernen Zähnen starrenden Bürste in die Abteile und begann, den Kühen kräftig Rücken und Flanken abzureiben: doch es schien nicht weh zu tun, denn die Tiere blieben ganz ruhig. Zu ihm gewandt, sagte sie: «Ich nehm' ihnen das Jucken, weißt du, Ahe!» Und derweil schrubbte sie: mit beiden Händen, von oben nach unten, und ein Muskelstrang hüpfte in ihren weißen, schweißnassen Armen. Wieder drehte sie sich zu ihm um: «Du bist ganz zerzaust, Ahe, komm her, ich fahr dir auch mal drüber!» Fast hätte sie ihm Angst gemacht, wenn sie nicht erneut die Lücke zwischen den oberen Zähnen gezeigt hätte. «Da lachst du, was, du Schlingel? Aber früher oder später lass ich dich den Striegel schon noch spüren!»
      Es verstrich kein Tag, an dem er nicht mit ihr in den Stall ging: nicht mehr an ihrer Hand, vielmehr ein paar Schritte hinter ihr, weil seine Beinchen, wiewohl recht stabil, ihn nicht so rasch trugen, wie die großen Füße und dicken Fesseln, die aus dem Rock hervorsahen, Stufe um Stufe abwärts klatschten. Unten angekommen, schlüpfte sie in die Holzschuhe und hob ihr rundes Gesicht mit den hohen Wangenknochen zu ihm auf, wirr eingerahmt von dunkelblonden Haaren, die immer am Kopf klebten, auch wenn kein Regen sie nass gemacht haben konnte. «Du bist ja schon ein richtiger kleiner Mann.» Sie strich ihm über den Kopf und fügte zum ersten Mal, als rutsche ihr ein Geheimnis heraus, deutlich vernehmbar hinzu: «Bravo, Abel.»
      Also war er Abel, und Abel war er; der Klangknoten, mit dem er sich stets hatte rufen hören, löste sich in einem Namen; und dieser reihte sich unter all die anderen Namen ein, die in ihm wuchsen und Bilder und Eindrücke, Dinge und Personen aus dem Schatten heraustreten ließen; die Genugtuung, einen Namen zu haben und ein Name zu sein, war so groß, dass er begann, ihn zum unverzichtbaren Subjekt jeden Satzes zu machen: Abel hatte Hunger, Abel war müde; nicht nur: Abel hatte die Sonne untergehen sehen und beschloss, dass es Nacht sei.

      Er betrachtete die Eisblumen am Küchenfenster, als Christa ihn um die Schultern fasste und zu sich umdrehte. «Christa geht», sagte sie. Ihr Gesicht war verstört, wie vielleicht auch ihr Geist, denn sie sprach von sich wie von einer anderen Person: «Verstehst du nicht, Abel? Ich verlasse den Göltenhof, ich gehe.» Die Tage würden wieder leer sein, um einen Menschen zu sehen, müsste er dann Christoph in den Stall begleiten, oder Ulli, wenn der aus der Schule heimkam, auf seinen unruhigen Wegen von einem Ende des Hauses zum anderen und nach draußen, in den Holzschuppen, ins Gebüsch am Bach entlang folgen, oder, noch schlimmer, erneut den Kindern von Mainhardsall entgegentreten. «Ich glaubte, ich wäre geheilt, Abel, ich war fest überzeugt. Aber es stimmt gar nicht.» Um es ihm zu beweisen, schlug sie sich dumpf mit der Faust an die Brust. «Die Krankheit sitzt hier drin.»
      Eine Krankheit, die man nicht sah und die keine Anzeichen aufwies, hatte etwas Ungereimtes. «Schau her!» rief sie, als hätte sie seine Gedanken gehört; sie griff tief in ihre Schürzentasche und holte mit geschlossener Hand etwas heraus; als sie die Finger öffnete, kam ein zusammengeknülltes Schnupftuch zum Vorschein, das mit angetrockneten schwarzen Flecken übersät war. Es sah aus wie Blut, sie musste sich verletzt haben. «Jedes Mal, wenn ich huste, fühle ich hier drin einen Riss und muss solches Zeug spucken. Ich kann nicht mehr arbeiten...» Sie schien sich für dieses Geständnis zu schämen, denn sie senkte den Kopf auf die Brust, so tief, dass er zwischen den schütteren, klebrigen Haaren die weiße Kopfhaut schimmern sah. «Das hat der Doktor gesagt, als er wegen dem Kalb gekommen ist... Er hat mich auch angeschaut und mir gesagt, dass ich gute Luft brauche, dass ich ans Meer und in die Wärme gehen sollte. Genauso gut hätte er sagen können, dass ich auf dem Mond wieder gesund werde...»
      Er verstand noch nicht, wohin sie gehen würde, wenn sie den Göltenhof verließ.
      «Nach Hause, zu meinen Eltern, einen anderen Platz habe ich nicht.»
      Aber in einem anderen Haus würde sie ebensowenig gesund werden wie hier.
      «Abel, mein Kleiner, ich war hier um zu arbeiten, ich kann nicht bleiben, wenn ich euch nur zur Last falle. Ihr habt selbst schon genug zu tun, auch wenn deine Mutter bald wieder auf den Beinen sein wird. Und außerdem habe ich bei meiner Familie wenigstens eine Kammer neben der Küche, und die Wand hinter dem Bett ist immer lauwarm... und wenn ich die Augen schließe, werde ich mir das Meer vorstellen, obwohl ich gar nicht weiß, wie es aussieht... wie ein großer See, bis zum Horizont, so muss es sein... und heißer Sand, den werde ich mir auch vorstellen; aber damit ich wirklich gesund wer-de, setze ich dann Abel neben mich... dort in den warmen Sand, in die Sonne, die so hell strahlt, dass man die Augen nicht offenhalten kann...»
      Auch er schloss die Augen in der plötzlichen Umarmung, die ihn drückte.
      Christa trat aus seinem Leben hinaus.

(Aus La furia del mondo, Feltrinelli, Milano 2006, S. 20-22 und 48-49. Deutsch von Maja Pflug; © Cesare De Marchi)

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