Cesare De Marchi
 
 
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Die Wut der Welt - Text 3

 

      Im Haus des Kardinals hatte ihm ein Majordomus geöffnet:
      «Benvenuto, Padre Radebacke, si accomodi
      Klar und deutlich, der italienische Satz, ebenso wie die ehrfürchtige, einladende Handbewegung, die ihn begleitete, und so war er eingetreten. Der in Samt gekleidete Majordomus führte ihn mit samtenem Schritt eine Marmortreppe hinauf, ein Stockwerk und noch eines, beugte sich vor einer Tür herunter, öffnete sie mit einer Umdrehung des Schlüssels und forderte ihn auf, voranzugehen. «Das ist Ihr quartierino», und noch ein paar weitere Wörter, die er nicht verstand. Das quartierino musste das Zimmer sein, in dem er wohnen würde: Im Halbschatten massige schwarze Umrisse, eine Tür, es war mehr als ein Zimmer, und nebenan noch eine Tür, er stieß an einen Tisch... Der andere redete immer noch, mit dem Rücken zu ihm, die Arme ausgebreitet; die aufgestoßenen Fensterläden waren im Licht verschwunden, ein luftiges Geflimmer hatte ihm sämtliche Möbel im Raum enthüllt - ein Schrank, eine Truhe, Stühle, sogar ein Sessel und unter dem Fenster ein mächtiger Schreibtisch, vielleicht aus Eiche, mit einem Tuch, darauf Schreibpapier, Feder und Tintenfass, für ihn also, und davor ein freies Stück Himmel über Rom. Kaum zu glauben, und außerdem war der Luxus für einen Priester, einen Diener Christi, übertrieben: So hatte er gedacht, bevor er, noch am selben Abend, die Wohnung des Kardinals sah, im unteren Stockwerk, mit dem großen Balkon, den er schon vor der Straße aus bemerkt hatte. Der Sonnenuntergang umspielte die Balustrade, schien bis ins Innere und beleuchtete düstere Gemälde an den Wänden, Stuck und Vergoldungen an der Decke, die dunkle Einrichtung. Unwillkürlich hatten sie seine Bewunderung erregt, diese Möbel, die Miniaturpalästen glichen, in Holz geschnitzt mit einer Genauigkeit, die seinen Blick fesselte.
      «Radebacke! Vieni, caro, siediti qua!»
      Am Kopfende sitzend, lud der Kardinal ihn ein, neben ihm Platz zu neh-men. Der weißgedeckte Tisch war festlich geschmückt, Kelche, Flaschen, Gläser, jedes auf einem runden Spitzendeckchen, zwei Brotkörbchen, zwei Obstschalen, glänzendes Silberbesteck. Radebach bat um die Erlaubnis, ihm wenigstens diesmal danken zu dürfen:
      «Num possum Eminentia, vobis gratias agere pro hac coena?»
      Der Kardinal lachte: herzlich, mühelos. «Sei simpatico! Come ti chiami di nome? Quid est tibi nomen?»
      «Rupprecht, Eminentia
      «Das ist ja noch schwieriger als Radebacke! Tibi opus est italicum nomen. Du brauchst einen geläufigeren Namen. Wir werden dich Rupperto nennen.» So hatte er auch seinen Vornamen verstümmelt und wiederholte ihn vor Be-geisterung mehrmals, «Rupperto, sì, Rupperto», indem er sich die große weiße Serviette vom Hals riss, mit der er sich gewöhnlich zum Essen rüstete.
      Im Sitzen, als er dieses glänzende Gesicht so seltsam nahe vor sich sah, das sich von den Schläfen zu den Wangen fleischig rundete, noch gluckernd vor Lachen, hatte er sich nicht aus seiner Starre lösen können und flüsterte: «Sicut Eminentiae vestrae placet», worauf sein Gesprächspartners ihm zweimal beruhigend den Handrücken tätschelte.
      «Severum esse licet, Rupperto, non oportet. Du bist viel zu streng.»
      Die Hand des Kardinals war auf seiner liegengeblieben, er spürte die schlaffe, schweißfeuchte Handfläche. Darauf entschuldigte er sich, doch der Kardinal schüttelte den Kopf, keine Entschuldigung wolle er, fügte er auf Lateinisch hinzu, er wolle ein offeneres, freimütigeres Wesen. Dann hob er sein Glas, das unterdessen mit Wein gefüllt worden war, und forderte ihn auf, ein gleiches zu tun. Ein livrierter Diener servierte unter den gleichmütigen Augen des Majordomus die Suppe. Anschließend folgten noch zahlreiche opulente Gänge, vielleicht ihm zu Ehren, um ihn nach den Anstrengungen der Reise zu erquicken, dachte er, da er damals noch nicht wusste, dass es jeden Tag so sein würde, und so vergaß er allmählich den Hunger, löschte den Durst mit dem kühlen, leicht prickelnden Weißwein, mit dem sich das Glas immer wieder füllte, wurde zutraulicher und mischte wer weiß wie viele Torheiten in sein Latein, bis er sah, dass der Kardinal die Brauen hob, nicht an ihn gewandt, sondern an jemand anderen neben oder hinter ihm, worauf das Glas leer blieb. Dafür wurde ihm ein schwarzes, dampfendes Getränk serviert, so bitter, dass er es nur mit Hilfe von sehr viel Zucker trinken konnte.
      «È caffè, Rupperto, nonne bonum? Ti piace?»
      Ob der Kaffee ihm schmecke? «Piasche, sì.» Er wagte den Versuch, die Klänge der anderen Sprache nachzuahmen. Und nicht nur auf dem Gesicht des Kardinals, sondern auch auf den Lippen des Majordomus erhaschte er, mühsam den Kopf drehend, ein Lächeln. Da schob er vertrauensvoll den Stuhl zurück und erklärte: «Dormire cupio», stand aber nicht auf, bis er nicht die Hände des Majordomus spürte, die ihm energisch unter die Achseln fassten. Nachdem er von dem Prälaten die Erlaubnis erbeten und erhalten hatte, sich zu entfernen, obwohl dieser wahrscheinlich gern noch eine Weile mit ihm geplaudert hätte, wenn er dazu in der Lage gewesen wäre, stieg er verwirrt die Treppe hinauf, fiel ebenso verwirrt aufs Bett und versank in tiefen Schlaf.
      Am nächsten Morgen weckte ihn niemand; als er die Fensterblenden öffnete, merkte er, wie hoch die Sonne schon stand. Bald nachdem er mit Waschen und Ankleiden fertig war, klopfte es an die Tür. Draußen stand der Diener vom Vorabend mit einem großen Tablett auf den Armen und sagte etwas von pranzo und noch anderes, das er nicht verstand. Nachdem er das Tablett auf einer Kommode abgestellt hatte, breitete er ein weißes Tischtuch über das Tischchen in der Zimmermitte, deckte es in wenigen Augenblicken mit Geschirr und Speisen und verschwand wieder. Er fand ein Knäuel auf dem Teller vor sich, dicke, widerspenstige Pastafäden, maccheroni, wie er später lernte, die das Leibgericht aller Italiener zu sein schienen, der reichen wie der Armen, ohne Unterschied. Doch die Anstrengung, die es ihn kostete, sie zum Mund zu führen, indem er sämtliches Besteck ausprobierte, beraubte ihn bei diesem Mal jeder Gaumenfreude.
      Den Kardinal sah er erst zum Abendessen wieder, und erst da konnte er ihn wegen des Vorabends um Entschuldigung bitten: an dem er wer weiß was gesagt hatte… «Defatigatus eras itinere», unterbrach ihn der Alte: die Müdigkeit der langen Reise, dazu noch der Hunger und der Durst (großer Durst, zweifellos) erklärten ad abundatiam seinen kleinen Exzess… Doch nein, er glaubte weiter, sich rechtfertigen zu müssen und fuhr in seinem harten Schullatein fort mit seiner Selbstbezichtigung und Selbstkasteiung, als könnte er so eine vollkommenere Vergebung erlangen.
      «Ma caro, perchè vuoi farti peggiore di quel che sei? [Aber mein Lieber, warum willst du dich schlechter machen als du bist?]»
      Der Kardinal lächelte, eine Backe geschwollener als die andere, vielleicht, weil er den Bissen hineingeschoben hatte, um sprechen zu können. Er verstand ihn nicht: «Non intelligo, Eminentia
      «Noli te ipsum peiorem aestimare, quam sis.» Er blickte ihn gutmütig an, mit zusammengepressten Lippen, als müsste er sich das Lachen verbeißen; dann ließ er seinen Gedanken freien Lauf: «Sei brav, Rupperto, fac ut cito italianum discas, schau zu, dass du bald Italienisch lernst, denn ich habe mein Latein im Seminar gelassen, latinum meum totum, reliqui in seminario, und es wäre zu mühsam, es wieder aufzufrischen!»
      Es war nicht wahr; er sagte es zum Spaß, der Kardinal Conti, vielleicht, um ihm aus der Verlegenheit zu helfen: denn wurde die Diskussion ernst, wie es in der Folge häufig geschah, wenn er in den Kanzleibüros mit ausländischen Prälaten sprach, und manchmal, obgleich seltener, mit ihm, in der heiteren Stimmung, die auf die Mahlzeiten folgte, wenn die Trägheit der Verdauung nicht sogleich einsetzte - dann ging ihm das Latein ohne gespielte Befangenheit über die Lippen.       Dennoch begann er bald, eifrig Italienisch zu lernen.

(Aus La furia del mondo, Feltrinelli, Milano 2006, S. 74-77. Deutsch von Maja Pflug; © Cesare De Marchi)

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