Cesare De Marchi
 
 
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Il bacio della maestra

 

Als der Verlag Sellerio 1992 Il bacio della maestra veröffentlichte und Cesare De Marchi damit einem größeren Leserkreis bekannt machte, war in einem Zeitungsartikel von «realismo casto e stilizzato» (keuschem und stilisiertem Realismus) die Rede. Wie unzutreffend die Bezeichnung Realismus war, ist wohl auch dem Kritiker bewußt gewesen, der diesen vermeintlichen Realismus als eine zurückhaltende, auf das Wesentliche reduzierte Form realistischen Erzählens verstanden sehen wollte.
      In der Tat kann man hier kaum noch von Realismus sprechen, und nur der Reichtum an Details und die ungewöhnliche sprachliche Präzision dieser Erzählprosa können über ihre subjektive Perspektive hinwegtäuschen. Schon die Tatsache, daß die Erzählung im letzten Kapitel plötzlich von der dritten Person zur ersten wechselt dürfte ein ausreichender Hinweis darauf sein, daß hinter diesen Seiten kein unpersönlicher, allwissender und über den Dingen stehender Autor mehr steckt. Die dritte Person fällt zwar nicht mit der des Protagonisten zusammen, doch spricht sie immer in einer Art freier indirekter Rede. Übrigens fällt auch diese Fiktion weg, da die Erzählung (wie gesagt) von dem nunmehr selbstbewußten Fünfzehnjährigen direkt übernommen wird.
      Alle Ereignisse sind vom Blickwinkel ihres Beobachters geprägt: so zum Beispiel im Fußball-Kapitel, wo der ins Tor fliegende Ball seine Bewegung verlangsamt und dem Leser seine abgenutzte lederne Oberfläche offenbart. Man könnte meinen, diese Subjektivierung rühre daher, daß dieser Text autobiographisch ist (das Buch trägt in der Tat den Untertitel Scene di una biografia infantile, bei der es sich offenbar um die Biographie des Verfassers handelt); und doch weisen auch alle anderen Erzählwerke De Marchis eine ähnliche Subjektivierung auf, angefangen von La malattia del commissario bis hin zu Una crociera .
      Eine weitere Eigenschaft dieses Textes ist seine konsequent unsentimentale Haltung: Situationen, die Gelegenheit zu dramatisierender Darstellung bieten könnten, werden hier mit beinah sezierender Kälte behandelt, so zum Beispiel die Anfangsszene, wo das Kind mit großer Verwunderung und einem spontan entstehenden Schuldgefühl auf die Nachricht von seiner Krankheit reagiert . Später empfindet der zum Ich-Erzähler gewordene Protagonist diese antisentimentale Wendung gleichzeitig als Rebellion und Befreiung: die Gefühle treten zusammen mit der pathetischen Figur der Großmutter in den Hintergrund seiner jungen Existenz.

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