Cesare De Marchi
 
 
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L'uomo con il sole in tasca

 

Warum hat der Autor die fiktive Entführung des italienischen Ministerpräsidenten als Thema gewählt, mag man sich bei der Lektüre dieses im Januar 2012 bei Feltrinelli erschienenen Romans fragen. Cesare De Marchi knüpft hier an jenes zivilgesellschaftliche Engagement an, wie es sich bereits in La malattia del commissario angekündigt hatte. Auch der Protagonist Luigi Leandri taucht wieder auf: war er damals Mitglied der Mailänder Mordkommission, so arbeitet er jetzt - «da er nunmehr ohne anderweitige Veränderungen die Pension näherkommen sah» (S. 26) - in der Zentralen Polizeidirektion in Rom: er soll das Versteck ausfindig machen, in dem einige Terroristen den Ministerpräsidenten gefangen halten, entführt in einer blutigen Aktion, die einer Neuauflage der Moro-Entführung nach 30 Jahren gleicht.
      Doch der Hintergrund, vor dem sich die fiktive Handlung abspielt, ist das Italien der Gegenwart, und der entführte Ministerpräsident trägt unverwechselbar die Züge Silvio Berlusconis. Er ist der eigentliche Protagonist und wird nach und nach vollends zur Romanfigur, die mit der Lieblingstechnik des Autors, der erlebten Rede, «von innen» gezeichnet wird. Es ist Cesare De Marchis Verdienst, den Menschen Berlusconi nicht auf jene Witzfigur reduziert zu haben, wie dies zuletzt allzu oft in der politischen Auseinandersetzung und in der Presse geschah. De Marchi weist vielmehr auf Entschlossenheit und Konsequenzialität als dominante Charakterzüge des Protagonisten hin, ohne die dessen hohes Bedrohungspotential für die Demokratie unverständlich wäre.
      Der Polizist Leandri, ein treuer Staatsdiener, soll den Entführten wiederfinden und befreien, fühlt sich jedoch himmelweit von ihm entfernt: «Er mochte ihn nicht: schon vom ersten Augenblick an hatte die unbestreitbar positive, vertrauensvolle und sympathische Ausstrahlung jenes Mannes sein Misstrauen nicht überwinden können» (S. 59). Leandri ist sich darüber im Klaren, dass das Überleben des demokratischen Staates auf dem Spiel steht, egal, ob der Entführte freikommt oder ermordet wird. "Doch nun standen diesem Mann die Gespenster der Vergangenheit gegenüber, ekelhaft willkürliche Exekutionen und sinnloses Blutvergießen", und es kann kein Zweifel bestehen, für welche Alternative er sich entscheidet. Die introspektive Bewegung der Leandri gewidmeten Kapitel entwickelt eine Art Gegengesang, der zwischen einem trostlosen Lyrismus und dem vibrierenden Moralismus einer vituperatio patriae hin- und herschwingt. Vor seinem inneren Auge erscheinen die letzten Jahrzehnte der italienischen Geschichte und kehren danach mehrmals in der Erzählung wieder.
      Neben dem Polizisten Leandri und dem entführten Ministerpräsidenten bilden die Terroristen den dritten Akteur des Romans: hieraus entsteht ein neuer Blick auf die Fakten: da ist der Chef der Gruppe, der schon ältere Luca, ferner der junge Mario und die jähzornige Cecilia. In einer düster klaustrophobischen Atmosphäre bedrängen sie den Entführten mit massiven Kreuzverhören. Doch zu keinem Zeitpunkt gewinnen sie die Oberhand, da ihr Gegenüber sich mit unbeugsamer Hartnäckigkeit verteidigt, indem er unter ihnen Zwietracht zu säen versucht und damit auch Erfolg hat. Den Höhepunkt bildet der Versuch des Ministerpräsidenten, sich beim Terroristenchef einzuschmeicheln, als dieser ihm den Kaffee in die Zelle bringt: «Eines möchte ich Ihnen sagen: Ich bedaure, dass ich Ihr Gesicht nicht sehen kann, Sie scheinen mir der Fähigste der Gruppe zu sein. Sollten Sie irgendwann Ihre Ansichten ändern, dann kommen Sie zu mir! Ich glaube, wir könnten uns gegenseitig von Nutzen sein. Ich mag zwar viele Fehler haben, nachtragend aber bin ich ganz gewiss nicht!» (S. 146). Das Gespräch der beiden verflicht sich mit dem inneren Monolog des Terroristen, der am Ende mit einer schroffen Geste seine Fragilität zu verbergen sucht.
      In einer derartigen Erzählkonstruktion konnte der Standpunkt des Autors nur indirekt zum Ausdruck kommen, nämlich im Vorwurf der Terroristen an den Entführten, er habe mit seiner Politik gegen die Prinzipien verstoßen, auf die er sich angeblich beruft. Auch kann dessen sarkastische Reaktion («eine derartige Anhänglichkeit gegenüber der Verfassung hätte ich bei den Roten Brigaden nicht vermutet... vielleicht bezeichnen sie sich aus diesem Grund als "neu"»: S. 127) nicht über den Sinn und die Funktion dieses sowie der sonstigen Verhöre und Diskussionen und nicht zuletzt über die Haltung des Autors hinwegtäuschen.

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