Cesare De Marchi
 
 
 
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Nove storie storiche

 

Die neun 2013 im Verlag Il Saggiatore erschienenen Erzählungen wurden in einer Zeitspanne von mehr als zwanzig Jahren geschrieben. Zuerst als «Vorarbeit» zu einem umfangreichen (bis heute noch nicht verfassten) Roman gedacht, weisen diese Erzählungen einen gemeinsamen Charakter und eine einheitliche, zusammehängende Erzählstruktur auf. Tatsächlich spielen die «nove storie» alle in Genua, der Geburtsstadt des Autors, vor dem Hintergrund geschichtlicher Ereignisse, die fünf Jahrhunderte ― vom 16. bis zum 20. ― umfassen. Die Zahl der jedem Jahrhundert gewidmeten Erzählungen wächst, je mehr man sich der Gegenwart nähert: So hat das 16. Jh. nur eine Erzählung (die während der berühmten Verschwörung des Fiesko 1547 spielt), auch das folgende 17. Jh. zählt nur eine, die als Szenario das verheerende, vom Sonnenkönig 1684 angeordnete Schiffsbombardement der Stadt hat, und ebenfalls eine hat das 18., die sich mit dem Volksaufstand von 1746 gegen die österreichische Besatzung während des österreichischen Erbfolgekrieges befasst. Erst das 19. Jh. weist zwei Erzählungen auf, die eine dem Risorgimento, der nationalen Unabhängigkeitsbewegung, die andere der transozeanischen Emigration gewidmet; vier Erzählungen zählt dann das 20. Jh., die resp. den Ersten Weltkrieg, die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, die 68er-Bewegung und zuletzt mit den Korruptionsprozessen von 1992 thematisieren, die die alten italienischen Parteien zum Sturz brachten. Die Sprache De Marchis passt sich der jeweiligen historischen Umrahmung an und geht bruchlos, besonders in den Dialogen, in die erzählende Stimme über: So ist z. B. Bombe von lustigen barocken Farbtönen durchzogen, während eine schnörkellose Beredsamkeit Patrioti kennzeichnet.
      Wie bei De Marchi üblich, wird keine dieser Novellen nach dem «objektivierenden» Muster des allwissenden Erzählers, sondern aus dem Gesichtswinkel der jeweiligen Figur, d. h. immer mit der Technik der erlebten Rede dargestellt ― wie um hervorzuheben, daß hier nicht die großen geschichtlichen Ereignisse im Mittelpunkt stehen, sondern die ihnen ausgelieferten Menschen, ganz gleich ob diese Menschen nach einem Ausweg suchen oder danach streben (wie die Brüder Ruffini und ihr Freund Mazzini [Patrioti], wie der abgewiesene Freiwillige im ersten Weltkrieg [Disfatta] oder wie der junge 68er Idealist [Speranze]), den Lauf der Geschichte zu ändern. Manchmal grenzt das Erzählte an die Farce, z. B. in Bombe, wo ein vorurteilsloser Arzt der Machtlosigkeit der Medizin seiner Zeit entkommt, indem er sich ein kurioses Heilverfahren für gesunde Menschen ausdenkt; in anderen Fällen scheint sich eine Art lyrische Weltflucht vor der drohenden, unabwendbaren Katastrophe anzudeuten; doch auch dort, wo die Individuen aufgeben oder unterliegen, reißt der Lebensfaden nicht ab und setzt sich fort durch das unablässige Weitergehen der großen Geschichte.
      Mit Sicherheit wird der Roman, an den der Autor seit Jahren denkt, nicht ein traditioneller historischer Roman sein, was diese Erzählungen mit ihren individuell-subjektiven Zügen schon andeuten. Es scheint eher seine Absicht zu sein, Handlung und Figuren nicht von einem in der Vergangenheit gelegenen Punkt in Richtung Gegenwart zu bewegen, sondern alle Akteure (oder vielleicht einen einzigen, sie alle einschließenden Akteur) von einer willkürlich als Festpunkt genommenen Gegenwart rückwärts in eine immer engere, immer blindere Welt zu zerren.

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