Cesare De Marchi
 
 
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Il talento - Text 1

 

Ich kam als viertes von drei Kindern in einer leidlich unbegüterten Familie zur Welt. So weit meine Erinnerung zurückreicht, wurde meiner Person einmütige und vollständige Nichtachtung zuteil. Nicht, daß ich mir damit beizeiten Rechtfertigungen für mein späteres Leben zurechtlegen oder törichterweise mit der Gefühlsfalle Sympathien gewinnen wollte; übrigens kann ich mir vorstellen, daß mich diese Nichtachtung keineswegs daran hinderte, eine Zeitlang am widerstrebenden Busen meiner Mutter zu saugen oder die Wohltaten des Familientischs zu genießen, obwohl diese meiner Meinung nach weit weniger befriedigend waren als die Kindergartenspeisung; auch will ich nicht leugnen, daß ich an den trübsten Winternachmittagen Trost in den Märchen meiner Schwester fand, wiewohl ich vermute, daß jene schmalzigen und monotonen Erzählungen nichts als die Liebes- und Heiratsphantasien eines pummeligen Backfischs waren; und ich räume ferner ein, daß meine Eltern, als ich geboren wurde, seit gut zehn Jahren überzeugt waren, einen Schlußstrich unter die Fortpflanzung gezogen zu haben, daß ich also mit meiner Ankunft ein mühsam erlangtes Gleichgewicht zerstörte, nachdem in den ersten drei Jahren ehelicher Schwärmerei nacheinander Piero (der bei meinem Erscheinen bereits dreizehn war), Marta und der unglückselige Sandro in die Welt gesetzt worden waren. Wohl möglich obendrein, daß ich am Anfang, vor allem nachts, nicht so zurückhaltend war, wie mich meine Nichtachtung später zu sein gelehrt oder gezwungen hat, und für meine Mutter war es sicherlich schwer, nach so vielen Jahren wieder Windeln wechseln und waschen, Brei rühren und füttern, einen Säugling in den lustlosen Armen wiegen zu müssen. Trotzdem hätte sie, da ich wie unerwartet und unerwünscht auch immer nun mal da war, gute Miene zum bösen Spiel machen und bedenken können, daß ich mehr noch als die Ursache ihres Ärgers die Frucht ihres und ihres Mannes Leichtsinns war. Und hätte sie auch nur ein Fitzelchen Gesit gehabt, dann wäre sie sogar darauf gekommen, daß ich sie vor der Langeweile rettete, ihr in der Plattheit ihres Lebens die Chance zur Verjüngung und einen neuen Lebensinhalt gab.
      Freilich kann ich mir nicht verhehlen, daß meine Mutter Lebensinhalte mehr als genug hatte, da sie ja einkaufen und kochen, aufräumen, nähen, flicken, kurzum den Haushalt in Schwung halten mußte, und alles mit dem nicht eben überragenden Gehalt meines Vaters. Ich sah sie schnaubend hin und her eilen, mit kräftigen nackten Armen und einem Tuch auf dem Kopf, unter dem ihr nicht zu bändigendes, großenteils schon graues Haar hervorquoll. Mitunter schreckte ich aus meinem Staunen auf, wenn sie mit dem Besen oder einem anderen bedrohlichen Gegenstand in der Hand plötzlich hereinstürmte. Doch ich mußte immer wieder feststellen, daß ich in den tausend flüchtigen Gedanken meiner Mutter überhaupt nicht vorkam. Dieser Nichtachtung verdankte ich andererseits die ruhige Sicherheit, die es nach der Rückkehr aus dem Kindergarten oder aus dem Hort meinen Nachmittagen erlaubte, gemächlich und unbehelligt auszuklingen.
      Aus der Tiefe irgendeines Schranks kramte ich alte, ramponierte Spielsachen hervor, Fetzen von Stofftieren, die ich in den Händen drehte und wendete, ohne etwas damit anzufangen zu wissen. Am Ende legte ich mich flach auf den Fußboden, der sich mir aus solcher Nähe betrachtet ganz rauh, rissig und schrundig wie eine Mondoberfläche zeigte: mit der Hand strich ich über die Fugen zwischen den Fliesen, erforschte das Dunkel der Löcher im Stein, in denen meine Fingerkuppe verschwand. In der schönen Jahreszeit jedoch rahmte das weit offene Fenster die Wipfel der Bäume in ein blaues Viereck und ließ zusammen mit den hellen Geräuschen der Straße eine linde, grüne Luft herein, die ich nie geatmet zu haben meinte. Ich kam ins Träumen, und mein Kopf begann von Bildern zu wimmeln, ganzen Geschichten, die ich verfolgte, wiederholte, unermüdlich abwandelte. Ich weiß wohl, daß man unter solchen Bedingungen Dichter wird oder verhaltensgestört: Zum Glück aber ist mir der für beide dieser Fehlentwicklungen typische finstere Egozentrismus gänzlich fremd, und meine natürliche Vitalität bewahrte mich vor den Gefahren früher Einsamkeit.
      Im übrigen wartete ich, sobald ich etwas größer war und in jedem Altersgenossen des Viertels einen Freund entdeckte, gar nicht erst die Aufforderung meiner Mutter ab, um zur Tür hinaus und vier Stockwerke treppab und aus dem Haus zu rennen. Die Straße war der Ort meiner Freiheit und (im Gegensatz zum heimischen Wohnzimmer) unangefochtesten Sorglosigkeit. Via Tiraboschi, in jenem alten, volkstümlichen Teil Mailands gelegen, der seinen Namen der mitten auf dem kreuz und quer von Straßenbahnen befahrenen großen Platz wuchtig aufragenden Porta Romana verdankt, ist eine kurze, aber breite, von Bäumen gesäumte Straße, wo wir Fangen und sogar Ball spielten, zum Ärger der Ladenbesitzer, die, um ihre Schaufenster bangend, herauskamen und uns Proteste und Drohungen nachschrien, ohne allerdings je anders tätlich zu werden als mit flatternder Schürze, den Bleistift hinter dem Ohr verlierend, breitbeinig dem Ball auf dem Trottoir nachzujagen, mit der vergeblichen Absicht, ihn einzufangen und zu konfiszieren.

(Aus Il talento, Feltrinelli, Milano 1997, S. 9-11. Deutsch von Renate Heimbucher in «Horizonte», 4, 1999, S. 217-219; © Feltrinelli s. p. a., Milano)

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