Cesare De Marchi
 
 
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Il talento - Text 2

 

Es war ein Federkasten aus Naturholz, der drei Bleistifte, einen Radiergummi und einen Kolbenfüller beherbergte. Der Schiebedeckel lief in zwei an der oberen Kante der Seitenwände eingeschnittenen Rillen und wurde durch einen Riegel am Herausfallen gehindert; er war mit einem ganz einfachen Muster vierziert, einer leuchtendgrünen Wellenlinie, die sich von einer der vier Ecken zur anderen zog; in der Mitte stand in schönen, von einer offenbar sichereren Hand als der seinen ausgeführten blauen Buchstaben das Wort Gymnasium. Sandro mußte in der Anstalt monatelang daran gearbeitet haben, beharrlich und immer wieder Fehler machend, die er mit Hilfe des Geistlichenm der ihn betreute, korrigierte. Ich konnte kaum fassen, daß er, dem schon das Schuhezubinden unüberwindliche Schwierigkeiten bereitete, imstande gewesen war, jenen gegenstand herzustellen, und ich fand es rührend, daß er sich meinetwegen solche Mühe gegeben hatte.
      Stumm zeigte er ihn mir, in unserem Zimmer, am Abend des Tages, an dem ich die Aufnahmeprüfung bestand: Er hielt ihn in seinen schlaffen, wie Austernschalen halb geöffneten Händen; ruderte dabei in seiner Unschlüssigkeit mit den leicht angehobenen Ellbogen und ließ die aus den schmalen Schlitzen der Lider hervorquellenden Augen vom Federkasten zu mir und wieder zum Federkasten schweifen, ohne sich zur Geste des Überreichens entschließen zu können: bis ich ihn ihm aus den Händen nahm und mich bedankte.
      Sandro teilte immer noch den Großteil seiner Sonntagszeit mit mir. Ich freilich verbrachte die Abende nicht mehr so gern mit ihm, mir stand der Sinn nach anderem als ihm Märchen vorzulesen und Mau-mau mit ihm zu spielen, bis er zu gähnen begann; wenn es ihn ins Bett zog, half ich ihm noch beim Zuknöpfen der Schlafanzugjacke, kaum aber war er eingeschlafen, machte ich das Licht aus und ging ins Wohnzimmer hinüber, wo der Fernsehapparat mittlerweile den Platz des alten Radios eingenommen hatte. Jetzt, wo ich das Kindesalter hinter mir hatte, war mein älterer Bruder unwidderruflich der jüngere.
      Von den zwei Tagen, an denen er nicht in die Anstalt ging, widmete ich ihm den Sonntagvormittag: Wir gingen zusammen die Zeitung für unseren Vater holen, dessen Trägheit an diesem Tag nachgerade abergläubisch wurde, und machten dann einen Spaziergang durch die Alleen bis zum Park am Largo Marinai d´Italia, wo er sich auf eine Bank setzte und in den Anblick der kleinen Jugendstilvilla versank. Sein großer Kopf und der gedrungene Nacken waren wie versteinert, ohne eine Regung, ohne ein Zucken; nur seine Schlitzaugen wanderten langsam hin und her. Die Kinder hörten auf zu spielen und starrten ihn an, so stark war die Neugier für das andersartige Zwitterwesen; die Erwachsenen dagegen verrieten eine weniger unschuldige Neugier, die sie geflissentlich hinter raschen, scheinbar selbstverständlichen Blicken verbargen; ich aber bemerkte es nicht nur, sondern erahnte auch ihre Erleichterung, ihre grausame Dankbarkeit, daß das Unglück, das sich dort so unverhüllt, als Gegenstand des Mitleids zeigte, fern vin ihnen zugeschlagen hatte.
      Sandros Ungeduld äußerte sich plötzlich. Seine dicke, zerfurchte Zunge schob sich zwischen den Lippen hervor; dann fing sein linker Arm sich zu schüttelten, erhob sich und entblößte die große, verchromte Uhr, die er mit der rechten Hand umfaßte und an die Augen führte, ohne sie lesen zu können. «Ist es Zeit? Sag! Ist es Zeit?» fragte er mich. Als ich endlich zustimmend nickte, sprang er auf die Füße und zog an meiner Hand: Wir gingen zurück, zur Kirche, wo wir unseren Vormittag beschlossen.
      Behutsam, fast eingeschüchtert trat er mit leicht vorgestrecktem Kopf ein; er tauchte die Finger ins Weihwasserbecken und stellte dabei die Beine eins neben das andere, um sich besser auf die Bewegung der Arme konzentrieren zu können; dann vollführte er ein sorgfältiges Kreuzzeichen. Während des ganzen Gottesdiensts starrte er in staunender Andacht mit offenem Mund vor sich hin und warf ab und zu ein Wort in den Chor lateinischer Stimmen. Beim Evangelium setzte er sich, und zur Linderung meiner Langeweile durfte ich es ihm nachtun; wenn ich mich jedoch am Ende der Predigt, die er mit unbewegtem und scheinbar traumverlorenem Blick angehört hatte, nicht sogleich wieder erhob, spürte ich sofort sein gebieterisches Zupfen an meinem Ärmel. Bis zum Segen verfiel er dann wieder in seine andächtige Dumpfheit, aus der er mit einem kräftigen Amen! Auffuhr. Danach hob er sein Gesicht zu mir, denn ich war inzwischen größer als er, und sagte, auf einen Punkt unterhalb meines Ohrs blickend: «Gehen wir Eis essen.» Beim Hinausgehen vergaß er, sich noch einmal zum Altar zu wenden und ging mit seinem steifen, eher unruhigen als schnellen Schritt das Trottoir entlang.
      Den Sonntagnachmittag verbrachte ich nicht mit ihm. Just zu jener Zeit begann ich, ihm diesen zu verweigern: leichtsinnig, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, was er zu Hause tun mochte. Was mich betraf, besuchte ich mit meinen Freunden Bars und Kinosäle, rauchte und überforderte meine noch hohe Stimme mit den sinnlosesten Komplimenten an die Mädchen: Mit anderen Worten, ich vergeudete jene Nachtmittage mit der Fröhlichkeit, dem Übermut, der Großzügigkeit einer frühzeitigen Berufung. Nur einmal ging ich mit ihm und meinem Vater, der Freikarten bekommen hatte, widerwillig zu einem Fußballspiel: Dort aber, im übervollen Kessel des San-Siro-Stadios drückte Sandro mitten im reißenden Fahnenschwenken, im Geknalle und Qualm der Kracher, im Getöse der Pauken, im rasenden, einer Gladiatoren- oder Stierkampfarena würdigen Gebrüll seine Arme an die Brust und brach in heftiges, emtsetztes Weinen aus, mit schrillen, wie Hundegeheul klingenden Schluchzern. Und während wir uns mühsam einen Weg durch die gewaltige Menschenmenge bahnten, sah ich zum ersten und vielleicht einzigen Mal Bestürzung in den Augen meines Vaters.
      Ich begann mich nun von Sandro zu lösen, nicht, weil ich ihn weniger geliebt hätte, sondern weil ich entdeckte, daß ich mich selbst liebte. Meine Person forderte Aufmerksamkeit und vor allem zeit; sie wurde anspruchsvoll, aufdringlich, ja eitel: mit einem Wort, sie existierte.

(Aus Il talento, Feltrinelli, Milano 1997, S. 37-39. Deutsch von Renate Heimbucher in «Horizonte», 4, 1999, S. 219-221; © Feltrinelli s. p. a., Milano)

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