Cesare De Marchi
 
 
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Il talento - Text 3

 

Die zehn Gemüsegärten wurden zu einer Summe erworben, die eher einem Baugrundstück angemessen gewesen wäre, aber ich war es ebenso leid, Einwände zu machen wie Michele Grundstücke zu suchen. Etliche Sonntage verbrachten wir damit, Schuppen und Maschendraht niederzureißen, zu jäten und zu roden, die Bretter für den Zaun in den Boden zu rammen und zu einem Zaun zusammenzunageln, den wir nur auf drei Seiten errichteten, da unsere Schneckenzucht auf der zur Straße gelegenen Seite schon durch die steile Böschung sicher abgegrenzt war.
      Nachdem wir, kurz bevor sich unsere anfängliche Begeisterung und meine Liebe zum Neuen erschöpfte, mit dieser Arbeit fertig waren, gingen wir daran, uns die Exemplare zu beschaffen, mit welchen wir die Züchtung der zahlreichen, robusten und einträglichen Schneckennachkommenschaft in Angriff nehmen konnten. Einen ganzen Tag lang platschten wir durch schlammiges Unterholz, nach einigen heftigen Regengüssen, die, wie wir wußten, die trägen, aber ausgehungerten Mollusken unweigerlich in Aufruhr versetzen und zu Abenteuern treiben würden. In den nun folgenden Monaten lastete die Pflicht, ihnen den begehrten Kopfsalat zu bringen, fast immer allein auf meinen Schultern, dafür aber erlaubte mir Michele, in einer Art stillschweigenden Übereinkunft, sein Auto zu benutzen: Und damit fuhr ich bisweilen ganz woanders hin und mitnichten allein; im allgemeinen jedoch kam ich meinen Schnekkenzüchterpflichten gewissenhaft nach und hatte dabei auch Gelegenheit zu interessanten zoologischen Beobachtungen: So stellte ich fest, daß ― anders als mein Freund geglaubt hatte ― das Zwittertum unseren Tierchen die Mühen der Paarung keineswegs ersparte, der sie sich mit einiger Beharrlichkeit widmeten, wenn auch mit der all ihren Verrichtungen eigenen Gemächlichkeit und ohne zu einer wirklichen Umarmung zu kommen (was die gewundene, barokke Architektur ihrer Häuschen, mit denen sie unzertrennlich verbunden waren, gar nicht zugelassen hätte); stattdessen begnügten sie sich damit, sich gegenseitig einen merkwürdigen weißen Pfeil ins hintere Ende ihrer Leiber zu stoßen und dann die Köpfe zusammenzustecken, wo sich offenbar außer den Augenfühlern auch die ambivalenten Organe befinden, mit deren Hilfe sie ihr Erbgut austauschen, was wir Menschen glücklicherweise auf etwas aufregendere Weise tun.
      Nach einigen Wochen entdeckte ich da und dort in Löchern und Vertiefungen des Geländes kleine Häufchen heller, perlenähnlicher Eier und konnte verfolgen, wie sich daraus winzige Gelatinewesen mit einem winzigen, glasigen Gehäuse entfalteten, das noch zart aussah, aber mit seiner einzigen Spiralwindung schon perfekt ausgebildet war. Die Reproduktion ging also mit der von mir erwarteten Frequenz und Regelmäßigkeit vonstatten, das Wachstum freilich war quälend langsam und hätte auch weniger unduldsame Züchter als mich nervös gemacht. Die Geduld, mit der sich die Tierchen systematisch vom Rand der Salatblätter bis zum Stumpf durchfraßen, die Beschwerlichkeit, mit der sie, ihre Schleimspur ziehend, über die braune, für sie so holprige Erde krochen, rief in mir mitunter eine nie gekannte Gereiztheit hervor; als ich dann aber eher zufällig von Michele erfuhr, daß sie, um eßbare Größe zu erlangen, etwa zwei Jahre brauchen, geriet ich an den Rand des Zusammenbruchs. Erst der Winter besänftigte mich und erlöste mich endlich auch von den lästigen Ausflügen zum Schneckengehege, dessen Bewohner so klug gewesen waren, sich kleine Löcher in den Boden zu graben, bevor er gefrieren würde, und sich in ihren fest versiegelten Häuschen darin zu verkriechen.
      Wären meine Sorgen doch mit der gleichen Leichtigkeit in den Winterschlaf gefallen!
      Stattdessen trat das genaue Gegenteil ein, denn nachdem mein Geschäftspartner prunkvoll Sylvester mit mir gefeiert hatte, verließ er mich. Es geschah an einem der ersten kalten Januarmorgen. Michele erschien in der Halle der Schule, prächtig in seinem dunkelblauen Anzug mit Goldknöpfen, das gewohnte Lächeln auf den geschlossenen Lippen, unter denen die in einer giftgrünen Krawatte steckende Brillantnadel funkelte. Er kam die Treppe herab, aber sonderbarerweise mit viel rascherem und aufgeregterem Schritt als sonst, wohl um ihn dem der beiden Herren anzupassen, die, einer zu seiner Rechten und einer zu seiner Linken, Ellbogen an Ellbogen neben ihm her gingen. Vor meinem Kabuff zwang er sie anzuhalten, bevor er durch die Haustür verschwunden wäre: Hinter der Glastür wandte er sein strahlendes, von lustigen Wangengrübchen gekerbtes Gesicht zu mir, bedeutete mir mit einer Kinnbewegung, daß er mich sprechen wolle, und ich verließ meinen Tisch, um die Tür zu öffnen.
      «Ciao!», rief er mit einer Art unterdrückter Freude: «Ich muß fort, mit meinen unbeugsamen Begleitern, da schau, was für ernste Gesichter sie machen, als würde ich sie dorthin führen, wo sie mich hinführen!»
      Und zum Abschied hob er beide Hände, wobei aus dem Jackett die weißen Hemdärmel hervorkamen, glitzernd vom Gold der Manschettenknöpfe und umschlossen von zwei groben Metallringen, in denen ich Handschellen erkennen mußte.
      «Ciao, mein Freund!», fuhr er fort. «Sieben unvergeßliche, glorreiche Jahre gehen für mich zu Ende! Und wenn ich lebenslänglich kriegen würde, diese sieben Jahre kann mir keiner wegnehmen, das sag ich dir! Schauen wir nicht zurück, Carlo, der Urlaub ist zu Ende: ich geh vorzeitig aufs Altenteil und lebe von meinen Erinnerungen. Mach's gut und paß auf dich auf, jetzt, wo du ganz allein bist!»
      Die Hände immer noch hoch erhoben, zeigte er mit ruhigem Gleichmut, als wären es Armreifen, die brutalen Vorrichtungen, die sie aneinanderfesselten. Dann schnalzte er mit der Zunge und lächelte wieder: ohne Trauer und gleichsam um Verzeihung bittend, daß er sich hatte erwischen lassen.

(Aus Il talento, Feltrinelli, Milano 1997, S. 206-208. Deutsch von Renate Heimbucher in «Horizonte», 4, 1999, S. 223-224; © Feltrinelli s. p. a., Milano)

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