Cesare De Marchi
 
 
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Il talento - Text 4

 

Im Porta-Romana-Viertel war heute Markttag. Und während ich im Stimmengewirr eines trägen Menschenstroms zwischen buntem Gemüse herumschlenderte und das Aroma von Zitronen und Pfirsichen, strengen Käsegeruch, fettige Schwaden von Grillhähnchen und sogar den klebrigsüßen Geruch von Zuckerwatte atmete, flammten hinter meiner Stirn die Worte von vorhin wieder auf: Bis fünfundsechzig? Immer so weiter, immer im gleichen Trott, bis ich fünfundsechzig bin? also noch zwanzig Jahre lang erniedrigende Obszönitäten für Bardis Pornozeitschriften schreiben? Und das jeden Tag, ausgenommen Samstag und Sonntag, jeden Tag, den der Herrgott werden läßt!
      Da stand ich, vielleicht mit offenem Mund, in selbstvergessener Betrachtung einer Rosette aus Radicchio und Friséesalat, die einen Bund Radieschen umschlossen, und spürte, wie mich stilles Entsetzen überkam, kein Aufblitzen in meinem Bewußtsein, keine plötzliche Erleuchtung: nur ein absoluter Schauder, der mich langsam und unaufhaltsam beschlich... die Erkenntnis, daß dieses normale Leben, dieses Umherschweifen ohne Ziel und ohne Emotionen, sich vom Gefängnis letztlich kaum unterscheidet; und daß alles in mir, die Abenteuerlust, die Unduldsamkeit und selbst der Leichtsinn nichts anderes waren als ein Versuch, die abgrundtiefe Leere, die hinter jedem Leben ist, zu verdecken.
      Die Gemüsehändlerin, die mich schon eine ganze Weile im Auge behalten haben mußte, peitschte meine Ohren (He, er da! Was will er?) um mir zu verstehen zu geben, daß ich an der Reihe war und daß Meinungsänderungen nicht gestattet waren. Dieses und jenes auswählend, beeilte ich mich, sie zwei große Plastiktüten prall voll packen zu lassen, die mir, als ich danach griff, die Arme zu Boden zogen und mir bei jedem Schritt beiderseits gegen die Waden schlugen.
      In wiegendem Gang erreichte ich den Rand des breiten Corso Lodi. Ringsum toste und brauste furios der Verkehr, stockte und floß dann zäh brodelnd in alle Richtungen weiter. Ich hatte meine Lasten abgestellt und wartete darauf, daß sich im Verkehrsstrom eine genügend große Bresche öffnete, um die Straße wenigstens zur Hälfte überqueren zu können, da erblickte ich am andern Ufer Giulio Fiorini. Eifrig vorgebeugt, führte er einen kleinen Jungen an der Hand, der sorgfältig einen Fuß vor den anderen setzte und dabei ein zartes Profil, an dem das Näschen und kleine, vorgestülpte Lippen leicht hervortraten, zu dem Erwachsenen emporhob, als suche er dessen Zustimmung.
      Als sie eben vom Gehsteig treten wollten, brauste ein großes schwarzes Auto an ihnen vorbei... ich konnte noch den Abschluß der blitzschnellen Bewegung sehen, mit welcher der Vater das Kind zurückriß, die bitterböse Miene, mit der er es auf den Arm nahm und an sich drückte. Das hagere, erschrockene Gesicht verschwand immer wieder hinter dem deutschen Blondkopf, und die schmächtige Gestalt des einen stand in merkwürdigem Widerspruch zum pummeligen kleinen Körper des andern, an dem sich von der Taille abwärts die Wölbung der Windel unter dem Höschen abzeichnete. Ohne das Kind abzusetzen, wachsam den Kopf vorreckend, schickte sich Giulio zu einem neuerlichen Überquerungsversuch an und trat auf die Straße: just in diesem Augenblick schaute er herüber, und ich fürchtete, daß er mich sehen könnte.
      Wie beschützerisch, fürsorglich und zimperlich der grimmige Kerl geworden war! Er stand plötzlich kopf, und von dieser schönen Warte aus hatte sich ihm die ganze Welt rosarot gefärbt. Mich macht es wütend, einen Mann wie ihn so tief sinken zu sehen, sich Hirn und Hände mit dem Schmalz der Vaterliebe zu besudeln. Ich möchte wetten, daß er dem Rotzbengel zu Hause mit dem Löffel Brei einflößt und ihm sogar das Ärschchen säubert, ihn mit dem wärmsten Lächeln bedenkt und die unbegründetsten Hoffnungen in ihn setzt.

(Aus Il talento, Feltrinelli, Milano 1997, S. 278f. Deutsch von Renate Heimbucher in «Horizonte», 4, 1999, S. 223-224; © Feltrinelli s. p. a., Milano)

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