Cesare De Marchi
 
 
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La vocazione

 

Cesare De Marchis Roman La vocazione, der im Januar 2010 bei Feltrinelli erschienen ist, enthält einige Besonderheiten, die aufmerksamen Kritikern nicht entgangen sind. Im Vergleich zu den anderen Romanen des Autors schreitet die Narration schneller und schnörkelloser voran, obwohl auch hier komplexe Verfahrensweisen vorhanden sind, die sich jedoch fast unmerklich in den Erzählfluss einfügen. Die Handlung kommt mit wenigen Protagonisten aus ― Nebenfiguren gibt es nur wenige ― und führt die einzelnen Handlungsstränge in der Hauptepisode, die den ganzen zweiten Teil des Romans einnimmt, schrittweise zusammen. Im gesamten ersten Teil des Romans folgt die Zeitstruktur nicht dem natürlichen Verlauf des Vorher und Nachher, sondern dreht sich spiralförmig um den Protagonisten, wodurch dieser nach und nach von allen Seiten beleuchtet wird. Dagegen ist der zweite Teil des Romans von dem Moment an, in dem ein unvorhergesehenes Ereignis eintritt, das den Protagonisten in ein absurdes Abenteuer verstrickt und seine Existenz aus den Fugen geraten lässt, wie eine Art Live-Aufnahme.
      Der Held, Luigi Martinotti, ist ein junger Mann, den der Roman etwa vom 35. bis zum 38. Lebensjahr begleitet. Da er sein Studium selbst finanzieren muss, fehlt ihm oft die Zeit für eine eingehende Auseinandersetzung mit seinem Fach und die Bewältigung der Lerninhalte. Schließlich verzichtet er auf das Examen, nicht aber auf seine intellektuelle «Berufung»: seine Nachtschichten in einer Imbissbude ermöglichen ihm, den Vormittag und den frühen Nachmittag in der Bibliothek zu verbringen, um dort vergangenen Ereignissen nachzuspüren und sie zu interpretieren. Er entwickelt eine Theorie der Geschichte, wonach gesellschaftliche Veränderungen einer hartnäckigen «Abwehr jeglicher Unsicherheit» entspringen. Diese Abwehr lässt die Menschen verzweifelt nach einer Möglichkeit suchen, «die Welt in ihrem gegenwärtigen, unbeweglichen und daher beruhigenden Zustand festzunageln». Intellektuellen Austausch pflegt Luigi nur mit seinem Freund Giuseppe, einem bizarren Lehrer, der an einer Erbkrankheit leidet, vor der er in Liebesbeziehungen zu immer jüngeren Frauen flüchtet. Eine sexuelle Beziehung verbindet Luigi mit Antonella, Kellnerin in seiner Imbissbude und alleinerziehende Mutter, deren Kind er lieb gewinnt. Als sie jedoch eine gemeinsame Wohnung vorschlägt, gerät Luigi in Wut; denn ein Zusammenleben würde den Verzicht auf seine Berufung bedeuten. Der Wendepunkt der Handlung tritt ein, als Luigi glaubt, mit einer einzigen Aktion, bei der er alles auf eine Karte setzen will, den Knoten seines Lebens ein für allemal durchschlagen zu können: er plant eine Kindesentführung, die ihm ein hohes Lösegeld einbringen soll. Doch er entfremdet sich der Realität immer mehr. Erst der Selbstmord seines Freundes Giuseppe und die intuitive Erkenntnis, dass es eine Art genetisches Schicksal gibt, lassen ihn kurz seinen Verstand wiederfinden.
      Obwohl sich der Autor hier wie in fast allen seinen Romanen der erlebten Rede bedient, gelingt ihm ein natürlicher, flüssiger Duktus, der durch seine Eleganz besticht: der einzelne Satz unterwirft sich völlig dem Erzählstrang, verkürzt oder windet sich, dehnt oder beschleunigt sich mit ihm. Auf diese Weise gelingt es, in einer fast gleichen Anzahl von Seiten ganze Lebensjahre des Helden (Kap. 1-6) genauso wie die wenigen Tage und Wochen seines Zusammenbruchs (Kap. 7-10) darzustellen.
      Manche Kritiker bemerken eine semantische Ähnlichkeit zwischen den Romantiteln Il talento (1997) und La vocazione. Diese Ähnlichkeit ist zweifellos vorhanden. Während aber Luigi Martinottis Berufung echt ist und ― wenn auch immer an der Grenze zur Obsession ― in eine mutige Lebensweise mündet, handelt es sich bei Carlo Marozzi, dem Ich-Erzähler des Talento, um eine nur vorgeschobene Berufung, eine Berufung ohne Substanz, einen leichtsinnigen Mangel an Engagement. Dass beide Romanfiguren auf ― auch stilistisch ― verschiedenen Wegen letztendlich scheitern, ist in diesem Zusammenhang nicht von Bedeutung.

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